Wenn er auch nicht zu den Top Ten der Sammler in der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Magazins ARTnews gezählt wird, so hat François Pinault, der Inhaber des Auktionshauses Christie's, des Kulturkaufhauses FNAC, des Modekonzerns Gucci und des Weingutes Château Latour, doch einen spektakulären Besitz an zeitgenössischer Kunst. Ich kaufe permanent, sagte Pinault in einem seiner raren Interviews, die er Le Figaro gab, aber es kommt auch vor, dass ich verkaufe.

Am 11. Mai hatte Christie's Andy Warhols Flowers von 1965 aus seinem Besitz für fast acht Millionen Dollar versteigert, auch von einem Mark Rothko trennte er sich. In Kürze wird im Museum of Modern Art in New York (MoMA) die dreiteilige Arbeit Rebus von Robert Rauschenberg Einzug halten. Das aus Fotografie, Malerei, Graffiti collagierte Werk von 1955 hat Pinault, wie in der New York Times zu lesen ist, für 30 Millionen Dollar abgegeben. Das ist etwa der Preis, den er für den Kauf des Palazzo Grassi in Venedig bezahlt hat, in dem Teile seiner zeitgenössischen Sammlung mit Werken von Jeff Koons, Mauricio Cattelan, Damien Hirst, aber auch der klassischen Moderne mit Alberto Giacometti und der Arte Povera mit Mario Merz von 2008 an ausgestellt werden. Die Restaurierungsarbeiten beginnen derzeit. Die ganze Sammlung hat wohl bisher kaum jemand, vielleicht nicht einmal der Sammler selbst gesehen.

Ein Großteil ist außerhalb der EU gelagert, das spart Vermögensteuer.

Ob die Verkäufe mit einer Umstrukturierung der Sammlung zu tun haben oder mit einem Urteil, bei dem ein Gericht in Los Angeles am 21. Juli die Pinault gehörende Artemis Holding zu einem Schadensersatz in Höhe von 700 Millionen Dollar verurteilt hat, wird man kaum erfahren. Der Unternehmer kann sehr einsilbig sein. Den Autoren Pierre-Angel Gay (Les Échos) und Caroline Monnot (Le Monde) verweigerte er jede Zusammenarbeit für ihr 1999 erschienenes Buch François Pinault milliardaire, das Licht in seinen sagenhaften Aufstieg bringen wollte. Doch schrieb er ein überzeugendes Vorwort, in dem er begründet, warum er das Buch weder befördern noch verhindern könne. Da heißt es, im übertragenen Sinne, er wolle weder Opfer noch Zensor sein.

1991 hatte Artemis zusammen mit der Crédit Lyonnais und anderen Partnern die marode kalifornische Lebensversicherung Executive Live aufgekauft. Der Deal war unter Vorgaukelung falscher Tatsachen zustande gekommen, wie der Gerichtshof feststellte, zum Schaden der Versicherten, aber mit hoher Rendite der neuen Besitzer bei steigender Konjunktur von 1992 an. Bereits im Dezember 2003 hatte Artemis in dieser Sache 185 Millionen Dollar an den kalifornischen Staat hinblättern müssen. Weil sich das Unternehmen dem Gericht gegenüber kooperativ zeigte, wurde Pinault Schuldfreiheit zugesichert.

Ob diese Kosten - bescheiden im Vergleich zu einem geschätzten Vermögen von sechs Milliarden Euro - auch dazu geführt haben, dass Pinault den Plan aufgab, sein von Tadao Ando entworfenes Museum auf der Île Seguin in der Seine zu realisieren, bleibt ebenfalls der Spekulation überlassen. Offiziell hat er sich von dem 150 Millionen Euro teuren Projekt aus Verdruss über die französische Bürokratie zurückgezogen. Die Zeit eines Unternehmers ist die seiner Existenz, seines Alters und der Ungeduld, ließ er wissen. Die Zeit der Behörden sei dagegen die der endlosen Prozeduren.

Das Stiftungsrecht macht es Sammlern in Frankreich nicht leicht. Es setzt dem privaten Stifter entmündigende staatliche Aufsichtsorgane vor die Nase, verbietet den Verkauf eines Drittels der Kunsteinlage und kennt keine Ermäßigung der Erbschaftsteuer. In Deutschland sind Kunstwerke, die sich 20 Jahre im Privatbesitz befinden und davon zehn Jahre in öffentlichen Sammlungen ausgestellt waren, von der Erbschaftsteuer befreit, in Frankreich wird jeder Kunstbesitz voll besteuert. So versuchen nur wenige Sammler, ihre Schätze in der Öffentlichkeit zu zeigen.