Adriano Sofri wird vorgeworfen, als Gründer und Führungsfigur der revolutionären marxistischen Bewegung Lotta Continua (1968-76) den Mord am Polizeikommissar Calabresi 1972 veranlasst zu haben. Die Anklage beruht ausschließlich auf der Aussage des ehemaligen Lotta-Mitgliedes Marino, die dieser 1988, 16 Jahre später, unter seltsamen Umständen und in höchst widersprüchlichen und teils widerlegten Schilderungen zu Protokoll gab. Sofri erklärte sich unschuldig. Die Verfahren zogen sich über neun Jahre hin: Im Januar 1997 wurden Sofri und seine beiden Mitangeklagten Bompressi und Pietrostefani zu je 22 Jahren Haft verurteilt.

Sofris Verurteilung ist bis heute begleitet von zahllosen Kampagnen und Initiativen, die sich für sein Anliegen Recht vor Gnade einsetzen. Zu den international protestierenden Intellektuellen zählten unter anderem Hans-Magnus Enzensberger, Umberto Eco und Jacques Derrida. Ein täglicher Newsletter - peradrianosofri@libero.it - und eine laufend wechselnde Hungerstreikstafette stehen symbolisch für die nicht nachlassende öffentliche Empörung.

Inzwischen ist das Verfahren Sofri abgeschlossen, eine Wiederaufnahme nicht möglich. Die Begnadigung ist die einzig verbliebene Möglichkeit seiner Befreiung. Pietrostefani ist ins Ausland geflohen - Bompressi, aus Krankheitsgründen in Hausarrest, hat zweimal um Gnade ersucht, Sofri hat dies für sich immer abgelehnt.

Auf der Grundlage der italienischen Verfassung hätte Staatspräsident Ciampi allerdings die Möglichkeit, die Begnadigung auszusprechen - wozu er bereit wäre - sogar Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat dafür plädiert.

Allerdings hat sich in Italien eine politische Praxis durchgesetzt, in der Begnadigungen nicht nur vom Justizminister gegengezeichnet werden, sondern dieser die Gnadengesuche selbst vorlegt. Roberto Castelli von der Lega Nord aber hat sich mehrfach gegen Gnade für Sofri und Bompressi gewandt und weiß die gesamte extreme Rechte Italiens hinter sich. Die Frage, ob Staatspräsident Ciampi von seinem Verfassungsrecht Gebrauch macht - was einer Premiere in der Geschichte der Italienischen Republik gleichkäme -, ist offen.