Es ist schon erstaunlich, wie resistent französische Theatermacher sind. Sie lassen sich nicht davon abbringen, dass der Text Vorrang hat und es darum geht, ihn zu vergegenwärtigen. Sie schauen sich zwar neugierig an, was die anderen so treiben, was - vor allen - die Deutschen anstellen mit Stücken, wie Regisseure zuschlagen, zerschlagen und jede Form der Dekonstruktion als weiteren Meilenstein auf dem Weg vom post- zum post-post-dramatischen Theater feiern. Doch sie selbst machen nicht mit. Sie lesen zwar die Werke ihrer Philosophen, besonders gern Jacques Derrida, also die Essays jener Autoren, die theoretische Wegbereiter waren der neuen Theaterästhetiken, aber sie setzen ihr Wissen nicht um, sondern beharren darauf: Den Stil hat der Text, und der Regisseur hat ihm zu dienen. Selten zuvor wurde das so deutlich wie beim 59. Festival d'Avignon.

Seit dem Weggang des Festspieldirektors Bernard Faivre d'Arcier leiten Hortense Archambault und Vincent Baudriller dieses Theaterfest. Zusammen mit einem dritten ausländischen Programmverantwortlichen wollen sie zeigen, was das europäische Theater zu leisten vermag. Im letzten Jahr arbeitete Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne mit, in diesem Jahr war es der Choreograf Jan Fabre aus Antwerpen. Ihre Inszenierungen standen im Mittelpunkt des Festivals, gezeigt am renommiertesten Ort der Stadt: im Hof des Papstpalastes. Die Produktionen der französischen Regionaltheater oder der freien Gruppen werden seitdem eher stiefmütterlich behandelt. Vorbei die Zeit, als das Festival eine Leistungsschau der französischen Theatermacher war, als Patrice Chéreau, Antoine Vitez oder Ariane Mnouchkine hier inszenierten - Avignon ist international geworden. Und beliebig. Ein Gastspielort wie viele andere auch.

Das kann man bedauern. Andererseits ermöglicht diese Form den Theatermachern Vergleiche. Aus deutscher Sicht ließe sich mit einigem Recht behaupten, die Franzosen seien bei den Theaterästhetiken der siebziger Jahre stehen geblieben. Sowohl was die Arbeiten der Dramatiker angeht als auch die der Regisseure. Wobei französische Bühnenautoren in den meisten Fällen auch die Uraufführungen ihrer Werke inszenieren. Aus Not, denn es gibt weit weniger subventionierte Theater als in Deutschland. So kommt es, dass der bekannteste der zeitgenössischen Dramatiker, Olivier Py, seine Trilogie Les Vainqueurs an dem von ihm geleiteten Centre dramatique national/Orléans-Centre selbst inszenierte und nun in einer Turnhalle außerhalb Avignons präsentieren durfte. Ein zehnstündiges Spektakel, in dem der Autor-Regisseur versucht, den Zustand der Gesellschaft zu beschreiben. Er sieht nur Scheitern, in der Politik, der Wirtschaft, der Religion. Py, von seinen Bewunderern als zweiter Paul Claudel gefeiert, erzählt konventionell. Sein Drama hat Helden, Handlung, Haltung. Seine Inszenierung ist ebenso konventionell. Schauspieler werden in Bühnenräumen arrangiert - und sprechen.

Nichts anderes, allerdings ins Extrem gesteigert, bietet der Regisseur und Bühnenbildner Hubert Colas. Überzeugt davon, dass der Bühnenraum, die Schauspieler und die wenigen Video-Einspielungen mit dem Text in einen Dialog eintreten müssen, bot er einen ungekürzten Hamlet. Die Schauspieler haben nichts als Shakespeares Sprache - körperliche Aktionen gibt es nur selten.

Nichts soll ablenken vom gesprochenen Wort - ein Hörspiel in historischen Kostümen und modernem Outfit.

Diese Reduktion ist für den Zuschauer anstrengend. Allein, wer genau hinhört und hinsieht, der bemerkt, dass der Boden zu schwanken beginnt, wenn die Intriganten ihre Lügennetze auswerfen - dass die Angst, entdeckt zu werden, Figuren in die Erstarrung treibt - dass Liebe nur noch in Worten glimmt und diejenigen, die sie sprechen, längst nicht mehr hoffen, damit ein Feuer zu entfachen. Ein düsterer Hamlet steht im Zentrum dieses Abends, der einem Albtraum gleicht: Thierry Raynaud, ein junger Schauspieler, dem es gelingt, das Faule im Staat Dänemark aufzudecken und damit die Ursachen seines eigenen Unglücks.

Aufsagetheater schimpfen diejenigen, die Hamlet schon als Bush-Gegner und als Attac-Sympathisanten haben kämpfen sehen. Doch das französische Publikum und die französischen Kritiker mögen solche Inszenierungen. Sie schätzen Regisseure, die nicht mit einem geistesschlichten Einfall einen Text gebrauchen, um ihre Gesinnung kundzutun oder ihre Obsessionen abzuarbeiten.