Kolonnen von Autos schieben sich über den Parkplatz am Stadtrand von Libourne. Immer neue Kunden zieht es zum Supermarkt der französischen Kette Carrefour. Eine alltägliche Szene – wüsste man nicht, dass hier bis vor kurzem noch ein Weinberg gestanden hat. Inmitten renommierter Bordeaux- Lagen hat Carrefour mehrere Hektar eines Spitzenweinguts gekauft, die Rebfläche stillgelegt und einen Parkplatz gebaut.

Es war ein Château wie so viele andere, das Château am Rand von Libourne: am Reißbrett entstanden, vor zehn, fünfzehn Jahren, damals, als die Nachfrage nach hochwertigen Weinen weltweit sprunghaft zunahm, die Preise scheinbar unaufhaltsam stiegen und Investoren schnelle Profite witterten. Nicht nur in Frankreich, auch in Italien und Kalifornien erzielten die Spitzenweine der Châteaus und Estates im Handel dreistellige Summen pro Flasche.

Es war eine Zeit, in der das Hochpreissegment Anlegern als lukrative Nische galt. Zwar ist der Anteil der Spitzenweine am Gesamtmarkt gering. In Bordeaux etwa, dem bekanntesten Anbaugebiet für edle Gewächse, zählen dazu rund 300 Weine – bezogen auf die Menge entspricht das drei Prozent der Produktion dieser Region, bezogen auf den Umsatz zehn Prozent. In diesem Hochpreissegment abseits des Handels – der sein Geld mit günstiger Massenware verdient – ließen sich jedoch über Jahre Renditen erzielen, die auf den Kapitalmärkten schwer vorstellbar waren. Das amerikanische Fachblatt The Wine Spectator hat ausgerechnet, dass der Wert von Spitzenweinen von 1983 bis 2002 um 2012 Prozent stieg – der Aktienindex Dow Jones stieg im gleichen Zeitraum lediglich um 770 Prozent.

Gewinne, die viele Investoren zu Winzern werden ließen – und heute utopisch sind. Der Markt für Spitzenweine ist zusammengebrochen. Selbst renommierte Weingüter stecken in der Krise. Viele von ihnen mussten insbesondere in den vergangenen Monaten die Preise drastisch senken.

Edle Tropfen sind heute die Basis für billige Massenprodukte

Denkbar einfach schien die Rechnung. Der Preis von Spitzenweinen beginnt bei 25 Euro pro Flasche, oft übersteigt er 100 Euro – die Produktionskosten betragen nur einen Bruchteil davon. "Wenn man mit Kosten von fünf Euro pro Flasche kalkuliert, kann man einen Wein erzeugen, der vom ersten Austrieb der Reben bis zur Flaschenabfüllung aufgezogen wird wie ein kleiner Prinz", sagt Simone François, Direktor des Weinguts Castello di Querceto im italienischen Greve in Chianti.

So kalkuliert, kamen über Jahre mit modernsten Methoden erzeugte Weine auf einen Markt, der sie gierig aufsog und Höchstpreise bezahlte. "Entscheidend bei diesem Kalkül war, die verfügbare Menge eines solchen Weins jeweils sehr klein zu halten", sagt Jean Pierre Rousseau, Direktor des Handelshauses Diva in Bordeaux. "Der Erfolg dieser Weine beruhte auf einer Logik der Knappheit." Wer sich solche Flaschen in den Keller lege, tue dies nicht, weil er den Wein liebe, sondern um etwas zu haben, was andere nicht haben.

In Frankreich hatte man bald ein passendes Etikett für den Trend gefunden: Garagenweine. Oft werden von diesen Weinen pro Jahrgang nur ein paar tausend Kisten produziert, so wenig eben, dass die Weine in einer Garage gekeltert werden könnten. Jahrelang galten solche Weine als der Inbegriff einer neuen Weinkultur. Im Unterschied zu den großen Gewächsen aus Bordeaux, die bereits 1855 als beste Lagen klassifiziert wurden, wachsen Garagenweine auf Weinbergen ohne Historie. Produziert werden sie von "fliegenden Weinmachern", die aufstrebende Güter in Europa und Übersee beraten und weniger auf Tradition als auf den technischen Fortschritt setzen. Sie erzeugen Weine eines neuen internationalen Stils, die, anders als die großen französischen Châteauweine, die lange lagern müssen, schnell trinkreif sind. "Heutzutage wartet keiner mehr Jahrzehnte auf einen Wein, wie man zu DDR-Zeiten auf einen Trabbi gewartet hat", sagt Michael Unger vom Bremer Auktionshaus Koppe & Partner, das auf die Versteigerung wertvoller Weine spezialisiert ist.