Helge vergisst immer die Zahnbürste seiner Frau, Roland kann nicht tanzen, Emiel muss aus dem Büro geprügelt werden, Matti duscht abends nicht, und Sven treibt keinen Sport. Dafür kann er ganz gut massieren. Zumindest "hier und da", sagt seine Frau.

Das sind nicht die besten Voraussetzungen für einen gemeinsamen Urlaub. Vielen Männern fehlt es offenbar noch an der Einsicht, dass gerade Erholung hart erarbeitet sein will. So sieht es jedenfalls der Reiseveranstalter l’tur, der eine Kundinnenbefragung durchgeführt hat und ob der erschreckenden Resultate auch gleich seine Hilfe anbietet. Eine mobile "Urlaubsakademie" soll in vier deutschen Städten je zehn Ferienmuffel auf Vordermann bringen. Unter 5000 Bewerbungen wurden, wie eine l’tur-Sprecherin verrät, die "Extremfälle" ausgewählt.

Die ersten zehn Extremfälle treffen sich im Hamburger Hotel Crowne Plaza. Vor einer rosaroten, mit Rettungsringen ausstaffierten Kulisse sollen sie von Profis lernen, wie man stilvoll tanzt, richtig eincremt und massiert, seinen Körper stählt und sich strandwürdig kleidet. Eben versuchen die Männer tapfer, zu den Rhythmen eines bejahrten Sommerhits ihre Hüften im Takt zu wiegen. "A little bit of Monica in my life, a little bit of Erica by my side", tönt es aus den Lautsprechern, und jetzt kann man Michael verstehen, der eben noch im Foyer sein Glas Cola leerte und sich doch viel lieber Mut angetrunken hätte. Denn a little bit können sie einem schon leidtun, wie sie da etwas versuchen, das offenbar nicht ihrer Natur entspricht – überdies noch in kurzen Hosen, Badelatschen und weißen Socken, denn um praxisnahe Bekleidung hatte der Veranstalter gebeten.

Nach kurzer Zeit schreitet die Tanzlehrerin ein. Immer wieder macht sie klar, dass es nur auf die Hüfte ankommt. Aber auch als alle im Kreis stehen, sich an den Händen fassen und eben jenes Körperteil mal nach rechts, mal nach links kreisen lassen, erfahren sie, wovon Frauen ein Lied singen können: Die Hüfte ist eine ernst zu nehmende Problemzone – und die Zeit zu knapp, um eine harmonische Haltung herbeizuzaubern. Schnell noch ein bisschen Salsa zum Schluss, um bei der anstehenden Poolparty nicht baden zu gehen. "Vor und zusammen, rück und zusammen, links und zusammen und vor und rück und rechts und zusammen." Allein lässt sich das noch irgendwie einstudieren. Aber als die Frauen dazukommen, ist es um die Fortschritte geschehen.

Egal, es zählt der gute Wille. Der Moderator drängt, die Zeit ist knapp, und es gibt noch so viel zu lernen. "Noch 50 Sekunden…, noch 20 Sekunden…, dann bitten wir die Männer zur Stilberatung auf die Bühne", spricht er verheißungsvoll ins Mikrofon. Die Frauen verlassen den Raum für ein Verwöhnprogramm im Wellness-Bereich. Vorerst werden sie nicht mehr gebraucht. Christiane ist mit ihrem Mann Wilfried aus Helmstedt angereist. Sie hat den Kurs in einem Preisausschreiben gewonnen. Jetzt schüttelt sie mit dem Kopf: "Das ist doch albern."

Giorgio, der Stilberater, steht zwischen zwei Kleiderstangen inmitten von Schuhen. Eine Hälfte seines weißen Hemdes steckt lasziv in der Jeans, dazu trägt er weiße Slipper. "Die sind angesagt in diesem Sommer", sagt er. Deshalb kriegt Roland auch gleich welche verpasst. Er muss sich ohnehin komplett umkleiden. Nach Giorgios Expertise trägt er Beamtenlook. Das sähe unbequem aus. Er müsse loslassen. Also lässt Roland los: seinen Anzug, sein Hemd, seine Schuhe, seinen Schlips.

Michaels schlabbrige Shorts gehören auch eingemottet. Dabei waren die so schön praktisch. "Wegen dem Stauraum", wie Michael sagt. Zum Beweis holt er eine Kamera, ein Schlüsselbund und einen Miniventilator hervor. Als er hinter die Bühne zum Umkleiden geht, schaut er auf die Sachen, die ihm Giorgio in die Hand gedrückt hat: "Sehen auch nicht viel anders aus", sagt er. "Aber egal. Ich bin sowieso nur wegen dem Buffet hier." Für die letzten Männer gibt Giorgios Fundus nicht mehr viel her, und mit der Trendkleidung gehen ihm auch die Ratschläge aus. Zu Sven fällt ihm nur noch ein, er solle sich die Beine rasieren.

Der Stilberater ist erlöst, als das Fitness-Programm angekündigt wird. Kaum neu eingekleidet, müssen die Männer nun in ein l’tur-Shirt schlüpfen und sich auf ein l’tur-Badetuch legen, um dann wie auf den Rücken gedrehte Käfer angestrengt mit ihren Beinen in der Luft zu rudern. Das soll die Bauchmuskulatur stärken. Christiane beobachtet mitfühlend ihren Mann: "Ich mache nie wieder bei so einem Preisausschreiben mit." Aus dem Wellness-Bereich zurückgekehrt, nehmen nun die Frauen den Platz auf dem Handtuch ein. Roland hat es sich auf dem Po seiner Frau bequem gemacht und drückt die Finger in ihren Rücken. "Das darf er aber nicht", sagt der Physiotherapeut, "da kann man viel kaputt machen."