Klappern gehört zum Handwerk, gerade in der Werbung. Doch der Gestus der Überbietung, mit dem manche Verlage neuerdings ihre Bücher ankündigen, weckt Erwartungen, die in der Regel nur enttäuscht werden können.

"Ein einzigartiges zeithistorisches Dokument" – so preist der Patmos Verlag die gerade erschienenen Aufzeichnungen der Gespräche an, die der amerikanische Gerichtspsychiater Leon Goldensohn 1945/46 mit den Hauptkriegsverbrechern in Nürnberg geführt hat. Einzigartig? Bereits 1947 veröffentlichte Goldensohns Kollege G. M. Gilbert sein Nuremberg Diary (1962 in deutscher Übersetzung in der Fischer-Bücherei und seither vielfach neu aufgelegt), in dem er dieselben Einblicke in Mentalität und Gedankenwelt der hochrangigen NS-Funktionäre gab, die nun in der neuen Publikation als große Entdeckung ausgegeben werden.

Ein "einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte" – so preist auch der Eichborn Verlag die nun ins Deutsche übersetzten Erinnerungen von Martha Dodd, der Tochter des amerikanischen Botschafters, an ihre Erlebnisse im Berlin der Jahre 1933 bis 1937. Dabei handelt es sich bei dem Zeugnis der flatterhaften jungen Amerikanerin, die auch enge Beziehungen zu Nazigrößen pflegte, um eine höchst unzuverlässige Quelle. Viel aufschlussreicher sind beispielsweise die Aufzeichnungen des amerikanischen Korrespondenten William L. Shirer in seinem Berliner Tagebuch von 1934 bis 1941.

"Ein Dokument von höchster historischer Brisanz" – so feiert der Lübbe Verlag Das Buch Hitler, ein Geheimdossier, das der NKWD für Stalin anfertigen ließ auf der Grundlage von Verhören, die mit dem persönlichen Adjutanten Hitlers, Otto Günsche, und dem Diener Heinz Linge 1948/49 geführt wurden. Doch was hier aus der Kammerdienerperspektive über Hitlers Essgewohnheiten, seine Beziehung zu Eva Braun, seine Liebe zu seinem Schäferhund Blondi, seine Scherze über Göring und andere Kumpane, seine letzten Stunden im Bunker der Reichskanzlei mitgeteilt wird, ist nicht brisant, sondern banal und zum größten Teil auch bekannt.

Den Gipfel an bombastischer Ankündigung leistete sich im Frühjahr zweifellos die Deutsche Verlags-Anstalt mit Hitlers Bombe. "Sensationelle Ergebnisse neuester historischer Forschung" wurden uns versprochen. Doch am Ende zeigte sich, dass der Autor Rainer Karlsch die Beweise für die angeblichen deutschen Kernwaffentests auf Rügen und in Thüringen 1944/45 schuldig geblieben war. "Hitlers Bombe explodiert nicht – sie platzt, sobald man genauer hinschaut", höhnte denn auch zu Recht die Welt.

Ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn die Verlage die Vokabeln "einzigartig" und "sensationell" künftig aus ihrem Repertoire strichen und ihren Ehrgeiz wieder stärker darauf richteten, wirklich gute Bücher zu machen? Das Publikum jedenfalls würde es ihnen danken. Volker Ullrich