Ist es für die deutsche Kultur wirklich entscheidend, ob Kultur im Grundgesetz verankert wird, wer Kulturstaatsminister sein darf oder ob es ein Bundesministerium geben soll? Gerade zwölf Prozent der Kulturförderung in Deutschland kommt vom Bund: festgezurrte Etats für repräsentative Großprojekte. Das meiste leisten zu etwa gleichen Teilen Länder und Gemeinden. Dort ist die Kultur. Was ist schon eine neue Bundesregierung gegen 23263 Schauspiel-, 6946 Opern- und 2539 Ballettaufführungen im Jahr? Gegen 151 öffentlich geförderte Theater mit insgesamt 721 Spielstätten und 253000 Plätzen, gegen 49 Orchester in 46 Gemeinden? Gegen 101 Millionen Besucher in deutschen Museen?

Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2002, sie dürften heute ähnlich hoch sein. Der mit öffentlichen Geldern gehegte bundesdeutsche Kulturpark steht nach wie vor in Blüte, es ist eine Tausend-Blumen-Landschaft, von der andere Länder nur träumen können, und daran ändert sich auch nichts, wenn die teuren Einrichtungen sich reformieren und über den Verbrauch ihrer Mittel Rechenschaft ablegen müssen. Allein Orchester und Theater stellen 40000 Arbeitsplätze. Nimmt man den Bereich der Buchproduktion hinzu, trägt die Kultur, je nach Berechnung, zwei bis drei Prozentpunkte zum Bruttosozialprodukt bei. Will die EU im Zuge des "Lissabon-Prozesses" den Wohlstand mehr durch Wissen statt durch klassische Industrien sichern, wird sie auf die Geist-Produzentin Kultur nicht verzichten können. Wenn es im Pisa-Land überhaupt noch Einrichtungen gibt, die dem Privatfernsehen etwas entgegenzusetzen haben und die so etwas wie geistige Überlieferungen sichern, dann sind es solche der Kultur.

Welcher Kultur genau? Die Rede ist hier von jenen öffentlichen Institutionen, die ein stetiges und nachhaltiges Angebot für die Bürger aufrechterhalten, vom Kulturbetrieb im engeren Sinn, von der "Hochkultur". Die Rede ist nicht von Events, Spektakeln, Festivals, auch nicht vom privatwirtschaftlich organisierten Kultursektor, der sich mit der Freizeitindustrie vermischt, also Musicals, Pop, Operetten, Feuerwerke oder Aida- Elefanten . Dort kann jeder investieren, wie er mag, der Erfolg sei ihm gegönnt. Manchmal unterstützt die öffentliche Hand die seriöseren dieser Unternehmungen, aber die Förderung fällt meistens gering aus.

Das Schweigen der Stadtväter: Theater schließen, Sammlermuseen sprießen

Schwieriger ist es, Kultur dauerhaft am Leben zu erhalten und dabei ein hohes künstlerisches oder intellektuelles Niveau zu garantieren. Der jährlich gut acht Milliarden Euro teure öffentliche Betrieb ist gemeint, wenn in Deutschland von "Kultur" gesprochen wird. Die scheidende Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer von den Grünen wollte vor einigen Jahren die deutsche Theaterlandschaft zum Unesco-Weltkulturerbe erklären lassen. Das war vielleicht aussichtslos und ein bisschen übertrieben, aber es markierte die besondere Stellung der Hochkultur hierzulande. Randständig bleiben private Kunstsammlungen und private Stiftungen. Bei aller Euphorie, der Anteil des bürgerlichen Engagements in Sachen Kultur bleibt, anders als in den angelsächsischen Ländern, marginal.

So stößt man gar nicht auf angstgeweitete Augen, wenn man den Verantwortlichen der großen Häuser die Frage stellt, wie das Kultursystem wohl in fünf Jahren aussehe. Die Phase, in der ressentimentgetriebene Sparkommissare in Städten und Gemeinden, in Staatskanzleien und Finanzministerien eine Radikalkürzung von Kulturmitteln forderten, ist weitgehend vorüber. Frank Baumbauer, der Intendant der Münchner Kammerspiele, meint: "Uns in einem unerbittlichen Konflikt mit der Kulturpolitik zu sehen trifft einfach nicht zu. Seit fünfzehn Jahren reformiere ich an unterschiedlichen Theatern Strukturen. Das gehört mittlerweile zu meinem Intendantenhandwerk, und das beherrsche ich. Die Wahrheit ist, dass ich keinen Kollegen kenne, der sich vom ökonomischen Druck sein Programm hat verbiegen oder gar verordnen lassen. Was wir allerdings tun müssen, ist, gegen ein Klima der Angst anzugehen, gegen die Angst vor der Kultur ebenso wie vor dem immer wieder herbeigeredeten Ende der Kultur."

Viele große Institutionen genießen inzwischen erweiterte Entscheidungsspielräume. Sie haben sich zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet und können frei darüber entscheiden, ob sie in Kunst oder nur ins Catering investieren. Die inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Arbeit setzen die Häuser ohnehin selbst. Das heißt nicht, im Kulturbereich wären die Reformen bereits erfolgreich an ihr Ziel gelangt. Museen und Bibliotheken stehen weiter ohne Ankaufetats da; Tarifverhandlungen im nichtkünstlerischen Bereich sind regelmäßig ein großes Planungsrisiko, und viele Versuche einer zaghaften Entstaatlichung durch Umwandlung der Theater und Museen in GmbHs, die wiederum von staatlich kontrollierten Zuwendungsstiftungen getragen werden, bereiten inzwischen Verdruss. Denn auch GmbHs stopfen keine neuen Löcher in den Landeshaushalten. Fördergelder werden noch immer falsch verteilt. Das ist manchmal auf mangelnde Sachkompetenz der Administratoren zurückzuführen, manchmal auf unnachgiebige Tarifpolitik, oft auch auf die Besitzstandswahrung privilegierter Gruppen wie Orchestermusiker – ebenso oft werden Reformen von einem konservativen Geist in den Häusern selbst behindert, der überall nur Kulturfrevel am Werk sieht.

Bleibt also alles mehr oder weniger so idyllisch, wie es ist? Ein paar Theater- oder Spartenschließungen in der Provinz, die sich gerade dort schlimm auswirken, werden sich in Zukunft nicht vermeiden lassen. Und ein paar Kunstmuseen auf der grünen Wiese wird es zusätzlich geben, denn der deutsche Museumsbau treibt geile Triebe: Eine ganze Reihe von keineswegs erstrangigen privaten Kunstsammlungen harrt der öffentlichen Bewunderung, und viele Gemeinden lassen sich im Sinne des Standortmarketings gern ein Sammlermuseum bauen, ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob das Publikum auch in fünf Jahren die Bilder noch sehen mag – und wer dann die laufenden Kosten des Museums trägt. Die Politik wird das permanente Kulturangebot weder infrage stellen noch kaputt reparieren. Sie wird die Kultur im schlechtesten Fall bei lustloser Pflichterfüllung einfach allein lassen.