Die Sehnsucht nach wahrer Freundschaft und Liebe ist ein Vorrecht zarter und gebildeter Seelen. Wilhelm Freiherr von Humboldt bildete sich etwas ein auf Exklusivität. Gegenwärtig erfährt er sie, 170 Jahre nach seinem Tod, auf unerwartete Weise. Wer versucht, das Grab Wilhelms und seines berühmten Bruders, des Naturforschers Alexander von Humboldt, zu besuchen, findet sich exkludiert durch verschlossene Gartentore. Ein Nachfahre der bildungsbürgerlich beweihräucherten Brüder und Erbe des familieneigenen Schlosses ringt in einem skurrilen Streit mit der Kommunalbehörde und dem Landgericht Berlin um die Frage, wer Zugang zum kulturellen Erbe des Humboldt-Doppelgrabes haben soll.

Zur Förderung des Tourismus hat das Bezirksamt Reinickendorf Anfang des Jahres Stelen errichtet, die den Weg zu Sehenswürdigkeiten weisen. Zwei davon führen zu den Gräbern - eigentlich ein mageres Marketing. Der Nachfahre aber empört sich, die Werbung ziehe doch ein anderes Klientel an als vormals, da er seinen Besitz noch den wenigen Wissenden freiwillig öffentlich zugänglich machte. Es würden Menschen hergelockt, die eine Veränderung der Atmosphäre mit sich brächten. Der Interessierte weiß Bescheid, andere wollen wir nicht haben, formuliert der Adelige den Wunsch, nur wohlerzogene Humboldt-Jünger auf seinem privaten Grund zu haben - und die Stelen wieder abzubauen.

Das Bezirksamt will nichts unternehmen, solange der Humboldt-Erbe sich nicht bewegt. Der kündigt an, Berufung einzulegen, wenn die Kommune nicht einlenkt.

Das Gericht hatte immerhin befunden, der Zusatz beschränkter Zugang - restricted access auf den Stelen kennzeichne das Anwesen nicht ausreichend als Privatbesitz, darum: umformulieren! Die Werbung indes bleibt stehen, und die letzte Ruhestätte exklusiv. In Wilhelm von Humboldts Worten: Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache.