Das genretypische Geräusch der Science-Fiction, wie wir es aus den Kinofilmen der letzten Jahre kennen, ist ein markerschütternder Entsetzensschrei. Er erschallt beim Anblick der Aliens und im Kampf mit dem Terminator, auf dem Höhepunkt des Weltuntergangs (Independence Day) und bei der Materialisierung unserer geheimen Ängste (Event Horizon). Begonnen hat der Lärm in Stanley Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum, als nach zwanzigminütiger Stille ein Menschenaffe brüllend einen Artgenossen erschlug.

Heute glauben wir, Weltraumabenteuer seien gleichbedeutend mit Kriegen, und das Wort Science-Fiction hat einen apokalyptischen Klang, der die friedlicheren Zukunftsfantasien der Vergangenheit übertönt.

Bei Jules Verne war das anders. Seine Romane bestachen durch hochfliegenden Positivismus, sie verbreiteten auf ihre leise, verschrobene, ins technische Detail verliebte Art die Hoffnung, das Experiment der Zivilisation könnte gut ausgehen. Falls es auf dem Mond Leben gibt, sind die Seleniten höher entwickelt als wir, behauptet Raumschiffkapitän Nicholl und folgert messerscharf, dass wir von ihnen lernen können. Die Hörbuchfassung zu Jules Vernes Reise um den Mond huldigt den subtilen Qualitäten der Science-Fiction, indem sie auf akustische Schockdramaturgie verzichtet und uns in endlose Gedankenspiele verstrickt. Gemeinsam mit den Astronauten Nicholl, Ardan und Barbicane besteigen wir die Columbiade, wo es gemütlich ist wie in einem englischen Altherren-Klub, und ergötzen uns 222 Minuten lang an wilden Coffee-Table-Spekulationen. Warum gibt es auf dem Mond keine Jahreszeiten? Woher kommt der Meteorit?

Bei ihren Wortgefechten lassen die drei schrulligen Raumfahrer sich von gelegentlich auftretenden lebensgefährlichen Situationen nicht weiter stören, wir aber genießen die willkommene Abweichung vom üblichen Raketenspektakel und vertiefen uns in die haarspalterischen Dialoge über Parabeln, Hyperbeln und hydraulisch komprimiertes Beefsteak. Akademischer Feuereifer statt explodierender Aliens! Der Sprecher Rufus Beck sensibilisiert uns für das Kuriose an der wissenschaftlichen Streitkultur. Der Komponist Parviz Mir-Ali sorgt für ein wenig Sphärenharmonie. Am Ende erscheinen uns die Spezialeffekte der Science-Fiction-Filme als hohles Getöse, und wir fallen nur ungern auf die Erde zurück.

Jules Verne: Reise um den Mond

3 CDs, Hörbuch Hamburg 2005, 23,90 e