In Bad Bramstedt, nördlich von Hamburg, sind 12 von 370 Betten in der Psychosomatik-Klinik für Hypochonder reserviert. "Es geht nicht um die spielerische Krankheitssorge als Marotte", sagt Chefarzt Detlev Nutzinger und verdeutlicht dies an ein paar Beispielen. "Wir hatten hier einen Ingenieur, der sich immer auf die Brust schlug, damit sein Herz im richtigen Drehzahlbereich lief, und eine Tiermedizinstudentin, die sich alle zwei Stunden den Wecker stellte, um nachzusehen, ob ihr Herz noch schlägt."

Auch Thomas H. sorgt sich schon sehr lange um sein Herz. Mit 18 dachte er das erste Mal, er habe einen Herzinfarkt. Seit zwei Wochen ist der 42-jährige Patient in Nutzingers Klinik. "An einen Herzinfarkt habe ich diesmal zuerst gar nicht gedacht", sagt H. über den Vorfall im vergangenen Jahr und knetet seine Finger. Nach einem Tennisspiel vermutete er zunächst eine verrenkte Schulter. Sein Orthopäde versuchte es mit Spritzen. H. deutet mit Daumen und Zeigefinger an, wie ihm der Arzt die Injektionen der Reihe nach senkrecht und waagerecht in den Rücken setzte. Das aber half nur kurz, dann kam die alte Sorge. War es nicht doch ein Infarkt? Die Nervosität stieg, mit ihr nahm auch die Beklemmung in der Brust zu. "Mit Ausstrahlung in den Arm", sagt H., der sich mit der klassischen Herzinfarktsymptomatik bestens auskennt. Er ging in ein Hamburger Krankenhaus. "Ich bekam mit, wie sich die Ärzte darüber stritten, ob es wirklich ein Infarkt war", sagt H. Schließlich behandelten sie ihn doch.

In der Reha-Klinik legte ihm die Psychologin eine mögliche Ursache seiner wiederkehrenden Herzattacken nahe. Es könne sein, meinte sie vorsichtig, dass auch seine Psyche ein Grund für die Beschwerden sei. Das Wort "Hypochondrie" fiel. Er bekam den Tipp, sich in Bad Bramstedt behandeln zu lassen. Dort rollten die Ärzte und Psychologen in vielen Gesprächen den Leidensweg von H. auf.

Dem Anfall waren eine ganze Reihe von traumatischen Erfahrungen und vermeintlichen Fehldiagnosen im familiären Umfeld vorausgegangen. Als H. 15 Jahre alt war, starb sein Großvater. Auch dieser hatte über Herzschmerzen geklagt. Er war zum Arzt gegangen, der nichts gefunden hatte. "Innerlich hatte der überall Krebs", sagt H., "wie kann es sein, dass der Arzt das nicht entdeckt hat?" H.s Vater klagte nach einer Bypassoperation weiterhin über Herzschmerzen. Der behandelnde Arzt empfahl eine Reise in den trockenen Süden, nach Afrika. Doch dort, in der Wüste, erlitt der Operierte einen Infarkt und musste Monate in einem fernen Krankenhaus zubringen. Mit 18 hatte H. dann erstmals selbst das Gefühl, ein Herzinfarkt würde ihn umbringen. Aber die Ärzte konnten nichts Pathologisches diagnostizieren.

In den folgenden Jahren verspürte H. immer wieder Schmerzen in der Brust, aber auch Bauchgrimmen, Rückenschmerzen und Schwindelgefühle. Er wurde unwirsch, ja aggressiv. "Wie konnte das Arschloch das übersehen", kommentiert H. eine vermeintliche ärztliche Fehldiagnose. H. ging immer häufiger zum Arzt: "Von 1991 bis heute vielleicht 20-mal, vielleicht auch 30-mal oder mehr". Zu den Krankheitsängsten gesellten sich noch zunehmend Schwierigkeiten bei der Arbeit. "Man kann ja nicht mit schweißnassen Händen und Schwindelgefühlen in eine Besprechung gehen", sagt H.

Traumatische Erfahrungen können die Hypochondrie auslösen, eine eigene Erkrankung oder die von Angehörigen. Männer und Frauen werden gleichermaßen von extremen Ängsten gequält. Die Betroffenen verlieren wie die Menschen mit funktionellen Beschwerden jedes Gespür für ihren Körper und ihre Verspannungen. Was genau diese Blockade auslöst, ist nicht sicher. "Ein Stück weit erlernt man, ob man Gefühle zeigen darf", sagt Nutzinger, "aber es gibt auch den Verdacht, dass genetische Veranlagungen dafür existieren."

Doch die Hirnphysiologie ist letztlich nebensächlich. Die Ärzte in Bad Bramstedt gehen davon aus, dass Hypochondrie ein erlerntes Verhalten ist, das sich verlernen lässt. In der Klinik wird der Hypochonder von seiner Droge Arzt entwöhnt. Am Anfang musste H. die Stationsärzte noch häufig rufen und sich beruhigen lassen. Jetzt erkundet er seinen Körper neu, lernt, dass das Rauschen aus seinem Inneren keine Katastrophe ankündigt, sondern von inneren Spannungen verursacht wird. Manche Patienten müssen zunächst lieb gewonnene, aber falsche magische Vorstellungen über ihre Krankheiten korrigieren. "Dem Ingenieur mit der Vorstellung, dass sein Herz ein Motor ist, demonstrierten wir mit Ultraschall, dass es nicht so ist", sagt Nutzinger. Mit Sport, Kunsttherapie, Biofeedback und vielen Gesprächen wird der Patient sich seiner selbst bewusst. Zwei Drittel aller Patienten in Nutzingers Klinik geht es nach der Behandlung besser.

Nach dem ersten Besuch sind sechs Wochen vergangen, H. ist etwas gelassener. Inzwischen meint er, echte Infarktsymptome von Verspannungen unterscheiden zu können. Vergangene Woche musste er einen Belastungstest bestehen und ohne Pillendose und Handy mit dem Zug ins benachbarte Neumünster fahren. Dort sollte er sich ein paar Stunden die Zeit vertreiben. "Vorher war ich doch sehr angespannt", sagt H., "und hinterher auch." Bis zur Entlassung sind noch ein paar Ausflüge vorgesehen.