Eigentlich sollte es sich seit Alexis de Tocquevilles grandiosem Reisebericht aus den 1830er Jahren herumgesprochen haben: Ohne ein Verständnis ihrer Religiosität begreifen wir nichts von der amerikanischen Gesellschaft. Und dennoch wurde in Europa dieser eindringliche Fingerzeig fast zwei Jahrhunderte lang souverän ignoriert. Über das Religiöse in der amerikanischen Politik und das Politische der dortigen Religionen nachzudenken blieb Außenseitern vorbehalten. Die Mehrheit, intellektuelle Meinungsführer eingeschlossen, begnügte sich mit Variationen des Immergleichen: entweder mit dem tadelnden Hinweis auf puritanische Bigotterie oder einem Lob für die strikte Trennung von Kirche und Staat. Klappe zu, Thema erledigt.

Wie es scheint, sind die Tage dieser selbstgefälligen Ignoranz gezählt.

Sozialwissenschaftler und Historiker entdecken ihren Tocqueville neu - und gehen wie er mit unbelasteter Neugier an die Frage, warum Religiosität eine grundlegend andere Rolle im gesellschaftlichen Leben der USA spielt und weshalb dieses Anderssein für Europäer so schwer verständlich ist. Rainer Prätorius hat jüngst einen zu Recht viel beachteten Überblick vorgelegt. Und Manfred Brocker ist es gelungen, in einem Sammelband ein Dutzend ausgewiesene Kenner mit Aufsätzen zu Wort kommen zu lassen, die für Experten wie für Laien gleichermaßen aufschlussreich sind.

Aus unterschiedlichen Perspektiven legen die Autoren überzeugend dar, dass man bei einer Betrachtung der Vereinigten Staaten mit dem traditionellen Begriff der Säkularisierung nicht weiterkommt. Anders ausgedrückt: Es gibt keinen Königsweg in die Moderne, sondern eher zwei markant getrennte Pfade - den europäischen und den amerikanischen. Und Letzterer verdankt seine Stabilität einer Paradoxie: Religion ist im Alltagsleben der USA so fest verankert, weil die Verfassungsgeber im First Amendment eine strikte und bis heute von allen Seiten respektierte Trennung von Staat und Kirche verordneten. Womit freilich nicht gesagt ist, dass Religion und Politik getrennte Sphären wären. Im Gegenteil: Ohne einen religiös fundierten Ordnungsglauben ist der Zusammenhalt einer disparaten Einwanderergesellschaft schwer vorstellbar. Und umgekehrt wurzelt die politische Meinungsfreiheit, mithin die Essenz des Demokratischen, traditionell in einer nicht hinterfragten Toleranz vielfältiger Heilsglauben - von den Baptisten über die Pfingstler bis hin zu Hindus und Muslimen. Diese Spannungen und Ambivalenzen ebenso verständlich wie nuanciert herausgearbeitet zu haben gehört zu den größten Verdiensten des Bandes.

Nicht nur, aber auch aus aktuellem Anlass liest man die Kapitel über die politische Parteinahme und Einmischung von Glaubensgemeinschaften mit besonderem Interesse. Und auch hier werden festgefügte Vorurteile auf wohltuende Art und Weise aus der Welt geschafft. Ja, es stimmt, dass die christliche Rechte spätestens seit den 1980er Jahren ein enges Bündnis mit der politischen Rechten eingegangen ist und dem Land eine stockkonservative Prägung aufgedrückt hat. Andererseits lehrt ein Blick in die Geschichte der Evangelikalen, dass selbst diese Gruppe nicht zwangsläufig auf eine reaktionäre Agenda festgelegt ist. Auch Martin Luther King und seine Mitstreiter in der Bürgerrechtsbewegung kamen aus den Reihen bibeltreuer Christen. Ob es einem gefällt oder nicht: Die Kirchen waren und sind die größten und einflussreichsten zivilgesellschaftlichen Organisationen in den USA. Und welchen politischen Weg sie nehmen, ist in ihrem Fundus dogmatischer Glaubenssätze nicht festgelegt.

Manfred Brocker (Hrsg.): God Bless America

Politik und Religion in den USA - Primus Verlag, Darmstadt 2005 - 229 S., 24,90 e