Wie eine Wolke huscht die Dame mit ihrem Schultertuch durch das Foyer des Hôtel du Petit Moulin in den Pariser Sommerabend. Ihr Kleid stammt vermutlich eher von Armani als von Lacroix, aber ihre behandschuhte Gestalt harmoniert durchaus mit dem Mandelgrün, mit dem der Couturier Christian Lacroix die Rezeption seines ersten Hotels ausstattete. Ebenso wie mit dem tiefen Bordeauxrot der Vorhänge, dem unverfrorenen Gelb eines ziehharmonikaförmigen Beistelltischchens und dem samtenen Violett des Sofas. Was wie eine Feindschaft wilder Farben klingt, hat der Designer gekonnt besänftigt.

Das vierstöckige Hotel versteckt sich hinter der denkmalgeschützten Fassade der einst ältesten Bäckerei von Paris. Victor Hugo soll jeden Morgen von der nahen Place de Vosges ins Haut-Marais gelaufen sein, um hier sein Brot zu kaufen. Heute regiert in dem 300 Jahre alten Eckhaus die Haute Couture bis in die Mansarde. Ein Mix aus unterschiedlichen Materialien und Epochen. Lacroix ließ sich auch von den vielen Tapetenschichten, die bei der Renovierung des Hauses zutage kamen, zur Spurensicherung des geschichtsträchtigen Viertels anstiften. Das Treppenhaus birgt mit seinen unebenen Balken ein Stück Stadtarchäologie, deren historischen Ernst der Modeschöpfer allerdings mit einem psychedelischen, schwarzweiß gepunkteten Teppich unterminiert. Überhaupt dominieren, bei allem Respekt für das Alte, eher die Freude am Zitat, das Vergnügen an der Verkleidung und die Lust an der Illusion, wie die Trompe-l’Œil-Bibliothek in der Lobby beweist. Vor allem aber merkt man Lacroix’ Detailversessenheit: von den Zimmernummern, die seine Handschrift in Messing übersetzen, bis zu den mit einem floralen Motiv bedruckten Lichtschaltern hat er jedem Winkel die gleiche Sorgfalt gewidmet, die er sonst auf Knöpfe, Haken und Abnäher verwendet. Und natürlich gleicht in der Petit-Moulin-Kollektion kein Raum dem anderen. Während ein Zimmer mit computervergrößerten Versionen seiner Modeskizzen tapeziert ist, besitzt ein anderes eine gestirnte Decke.

In der perlmuttrosafarbenen Kemenate unter dem Dach fühlt sich der Gast wie in das Innere einer Muschel gebettet. Ein stromlinienförmiger Kühlschrank schimmert silbrig neben einem breithüftigen Sessel mit knochenbleichem Rahmen; der Flatscreen steht ausdrücklich platzsparend wie ein Schild auf einem Ständer, und die zum Schreibtisch umfunktionierte schnörkelige Nähmaschine nistet geradezu maßgeschneidert in der Fensternische mit Blick auf die bleigrauen Dächer des dritten Arrondissements. All diese Gegenstände verraten Lacroix’ Vergnügen am Spiel mit der Miniatur: Sie pferchen so viel Luxus, Bequemlichkeit und Grazie wie nur irgend möglich in das winzige Format, und sie sitzen wie angegossen. Offenbar passt auch etlichen Parisbesuchern die Zimmergröße "petit", jedenfalls ist das Maison Lacroix oft ausgebucht. Er plant schon drei weitere Hotels. Wer bis dahin kein Zimmer bekommt, kann in der Zwischenzeit Lacroix’ Kunst an anderer Stelle bewundern: Die Stewardessen von Air France fliegen inzwischen in seinen Uniformen.

Hôtel du Petit Moulin, 29–31, rue du Poitou, F-75003 Paris, Tel. 0033-1/42741010, www.paris-hotel-petitmoulin.com , Doppelzimmer 180 Euro, Junior Suite ab 250 Euro