Der Apostel Paulus hat die Augenbrauen hochgezogen, die Stirn ist milde gekräuselt. Das linke Auge schaut auf den Betrachter, das rechte ins Nirgendwo. Paulus, von einem Buch oder Heft aufblickend, ist der Maler Rembrandt van Rijn, der sich in dem Apostel selbst porträtiert hat. Das Bild gehört zu einer kleinen, kostbaren Ausstellung, die unter dem Titel Rembrandts späte religiöse Porträts zurzeit im J.-Paul-Getty-Museum in Los Angeles gezeigt wird. Aber das ist nicht alles, was man dort zu bieten hat.

Man offeriert dem Ausstellungsbesucher die Rembrandts gleich doppelt. Einmal an der Wand und einmal als Videobildchen auf jenen tragbaren Guides, aus denen bisher nur der Text zum Bild abzuhören war.

Nun aber: das Bild zum Bild! Das schafft natürlich zunächst einmal Sicherheit darüber, dass man nicht den falschen Kommentar hört. Kann ja vorkommen.

Sodann: Von Rembrandt kann man nie genug bekommen, und doppelt hält bekanntlich besser. Viele Besucher, die vor dem wirklichen Bild stehen, schauen aber nur noch auf den Videobildschirm. Warum das schrumpelige Öl anstarren, von wechselnden Standpunkten aus den Schatten des Kragens und das Licht auf dem Nasenflügel verfolgen, wenn man mit dem kleinen Bild-plus-Text-Gerät doch das wahre Wunder in der Hand hält, das die Kunst samt Kommentar kompakt und handlich vereinigt? Außerdem ist diese Präsentation demokratischer. Denn ob groß oder klein, Längs- oder Querformat: Im Videobild sind alle gleich (klein). Was würde man in dieser Ausstellung wohl mit jemandem machen, der noch mit der Lupe das wirkliche Bild studiert, wie es Kunsthistoriker früher getan haben? Ihm das suspekte Gerät abnehmen?

Fragen über Fragen. Wer hatte wohl diese Idee, die den Kunstfreund vom Zwang befreit, auf flachen Füßen, bei schlechter Luft und durch andere in der Sicht behindert, auf das Original zu stieren? Ich stelle mir vor, dass es ein Mensch war, der in Venedig die Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari besucht hat. Im Zentrum des sakralen Raums und der Aufmerksamkeit steht Tizians Altarbild Mariä Himmelfahrt. So viel strahlender Aufbruch in die Seligkeit war nie. Was aber tun die Besucher, nachdem sie die Automaten für eine kurzfristige Erleuchtung und ein Höhrrohr mit Münzen gefüttert haben? Sie drücken den Hörer ans Ohr und wenden dem Kunstwerk die nackte Schulter zu.

Man will sich ja schließlich konzentrieren. Dem Manne kann geholfen werden, hat sich der Erfinder des Video-Guides wohl gedacht.

Uns aber wird Hören und Sehen vergehen angesichts völlig neuer Perspektiven im Ausstellungs- und Museumsbetrieb. Wozu noch Schlange stehen wie weiland vor dem MoMa? Warum noch mühselig 300 Leute abzählen die jeweils nur in die Räume der Berliner Goya-Ausstellung dürfen? Mit dem Audio-Video-Guide kann der Besucher es sich im Museumscafé bequem machen. Danach den Katalog oder Postkarten kaufen. Und, wenn es denn sein muss, sich zum guten Schluss noch eine selektierte Auswahl der Kunstwerke anschauen. So ist allen geholfen.