Die Fans von Harald Schmidt – jetzt nur mal als Beispiel – bilden eine große, sehr kommunikative Gemeinde. Die Fans von Helge Schneider sind eine Sekte, die mit der Verständigung in Codes auskommt. Man kann den Test machen. Man lädt zehn Leute zum Abendessen ein, stellt Gulasch, Kartoffelpüree, eine Schüssel mit Gelben Rüben auf den Tisch und sagt ganz cool: "Möhrchen". Neun der Gäste nicken höflich. Einer ist für die nächste Stunde durch das Gebaren hysterischer Vergnügung nicht mehr zu gebrauchen. Das ist der Helge-Schneider-Fan. Wie kann man erklären, was an dem harmlosen Wort Möhrchen, das der Liedzeile "Mama, hol mal die Möhrchen" entstammt, so gnadenlos komisch ist? Es gibt keine Erklärung. Außer der, dass Schneider eben das Wesen der Blödelei auf den Punkt bringt und seine Fans mitzieht. In der psychiatrischen Branche macht es vielleicht keinen guten Eindruck, wenn man offenbart, allein von Buchtiteln wie Zieh dich aus du alte Hippe oder Eiersalat, eine Frau geht seinen Weg durchgeschüttelt zu werden wie von einem epiphanischen Erlebnis.

Schneider ist bekanntlich ein Gesamtkunstwerk, Jazzmusiker, Filmemacher, Autor, Auftrittskünstler, auf keine Disziplin festgenagelt. Auf Unfixierbarkeit beruht auch die Wirkung seiner Komik. Es handelt sich hier um schiere, also sinnfreie, bedeutungs- und objektlose Albernheit. Schneider kann wirklich viel. Wirkt aber doch am stärksten als er selbst und seine Fans am meisten verzückend, wenn er sehr wenig, fast nichts tut, außer sich mit einer absurden Megabrille, verfilztem Haarwust, ein paar merkwürdigen Klamotten in die Bildfläche zu schieben, ein bisschen zu grinsen, mit den Augen zu rollen und Brummlaute von sich geben. Wenn er dann "Möhrchen" sagt, ist man hin. Deswegen gerät der Helge-Schneider-Fan – um die komplizierte Wahrheit jetzt endlich auf den Tisch zu bringen – bei der Lektüre eines Buches, also Prosa, von Helge Schneider in eine schizophrene Situation. Er kommt in den Genuss eines langen, Seite um Seite, Kapitel um Kapitel währenden Vergnügens. Doch fehlt diesem der entscheidende Kick. Der Abflug in die anarchische Sinnlosigkeit, die das Narrative, egal, wie abstrus sein Inhalt ist, per definitionem nun mal nicht hergibt.

Um jetzt bloß kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Das neue Buch von Helge Schneider, Globus Dei, ist auf der Höhe der Schneiderschen Blödeleien. Also Irrsinn. Und doch nicht nur. Schneider persifliert das Phänomen der Welt- und Abenteuerreisen und lässt seinen Held, das heißt, sich selbst, vom Nordpol über diverse Kontinente bis nach Feuerland hinunterreisen. (Ein Schelm ist, wer dabei an Harald Schmidts reale, breit beredete Weltreise letztes Jahr denkt.) Es gibt jede Menge Scharmützel mit wilden Tieren, den üblichen Kampf mit den Reiseutensilien, Anfechtungen sexuell-exotischer Natur. Alles irreal überzogen. Alles astrein. Abgesehen davon, dass sich eine Persiflage eben immer im Muster sinnstiftender Referenz bewegt. Sie hat eine Vorlage, die sie auf die Schippe nimmt. Sie ist interpretationsfähig. Großartig sind die Fotos und ihre absurden Unterschriften, die der Autor mitliefert. Auf einem Bild sieht man Helge, wie er lebt und grinst, daneben einen Käpten-Blaubär-artigen Typ mit Schirmmütze, darunter steht: "Der Eigner der Luftkissenboote, die von Spanien nach Marokko gehen". Oder die Rolltreppe irgendeiner, wirklich irgendeiner U-Bahn. Darunter: "Madrid". Ein Schotterweg, wie es ihn überall, wirklich überall auf der Welt gibt, wo ein bisschen Zivilisation hingelangt ist. Darunter: "Die Wüste Gobi. Mehr Geröll als Sand". Hier – denkt sich der Helge-Schneider-Fan – gelingt die blödelnde Willkür, die Absichtslosigkeit des Albernen womöglich stärker als im durchgeschriebenen Text.

Aber was hat der Fan schon zu sagen? Er ist ungerecht, herrisch und regressiv wie ein Kleinkind, das immer nach der gleichen Speise schreit, immer nach derselben Möhrchen-Nummer. Der Fan ist als Kritiker ungeeignet. Kein intelligenter Künstler sollte sich ihn wünschen. Ursula März