Das schöne Wort "Kardinalskomik" habe ich in der Süddeutschen Zeitung aufgestöbert. Es galt allerdings nicht dem Wiener Kardinal, der in der New York Times seine Bedenken gegen die atheistische Potenz der Evolutionstheorie anmeldete. An dieser Intervention des Kardinals ist nichts verdammenswert. Wie alle, die um die Köpfe und Herzen der Menschen kämpfen, muss auch die Kirche ihre Botschaft unterbringen, und man darf den Protestanten die Evolution nicht allein überlassen. Ich glaube aber, die Wahrheitsfrage, ob der Kardinal Recht hat oder nicht, geht einer Strategie auf dem Leim: Nach der werden die einen so antworten, die anderen anders – und schon ist eine Kontroverse in ewigen Umlauf gebracht. Klüger erscheint mir die Machtfrage: "Kirche" muss man auch diejenige Institution nennen, welche Ansprüche, die der Glaube an Menschen stellt, in Machtansprüche an die Gesellschaft auf professionelle und konfessionelle Weise umformuliert.

Immerhin zeugt das Wort "Kardinalskomik" davon, dass die Hierarchien, die auf der Welt gelten, den kirchlichen hin und wieder noch abgeschaut werden: An der Spitze der Komik steht die Kardinalskomik, im zitierten Fall die des Kabarettisten Gerhard Polt und des Autors Eckhard Henscheid. In Zürich hatte "das Gipfeltreffen der beiden Großhumoristen" stattgefunden, und Polt las dort auch aus seinem bei Fischer als Taschenbuch erhältlichen Circus Maximus: Geschichten, Stücke, Monologe, Dialoge, entstanden "teilweise in Zusammenarbeit mit Hanns Christian Müller". Ich erinnere daran, dass Henscheid im Jahre 1994 im Merkur (Heft 11) eine grandiose Polemik gegen das Kabarett veröffentlicht hatte: Literatur – Kabarett 10:0 . Nahezu persönliche Anmerkungen zu einer recht obsoleten, ja ziemlich steindummen Gattung.

Woody Allen und ich, wir lehnen das Ballett ab, Henscheid das Kabarett, und es zeigt sich, dass man in der Kunst ganze Gattungen begründet ablehnen kann. "Gemeinsame Interessen", fragt Henscheid rhetorisch, "von Dichtung und Kabarettsatire? Aber woher. Sie wursteln halt beide maulwurfsemsig vor sich hin…" Allerdings könne er, Henscheid, auch nicht bestätigen, dass "die aktuelle deutsche Literatur insgesamt" das Vorsichhinwursteln "verständiger, phantasievoller, inhaltlich substantieller" bewältige. Da Henscheid kein Bausch-und-Bogen-Polemiker ist, sondern ein Mann von Witz, macht er Unterschiede: "Das österreichische Satirekabarett der fünfziger Jahre? Ja. Helmut Qualtingers Herr Karl? Aber immer".

In gelungener Komik steckt tödlicher Ernst

In der Polemik von 1994 ließ Henscheid keinen Zweifel an seiner Wertschätzung für Gerhard Polt, die man nicht zuletzt nach der Lektüre des Circus Maximus teilen kann: Polts Texte halten literarisch, was sie auf der Bühne versprechen; sie haben auch ohne die Bühnenfigur ein komisches Eigenleben. Das haben sie mit denen von Karl Valentin gemeinsam, wobei man diese Analogie ("vergleichbar", so der Verlag, "allein mit der Kunst von Karl Valentin") nicht überstrapazieren sollte: Valentins Sprachkunst kann man nur kopieren, und damit wird man zum Sekundärliteraten, oder zitieren: "Es freut mich", zitiert Polt den Valentin, "wenn es mir gelungen ist, den heutigen Tag zu überleben."

Ins gelungen Komische ist ein tödlicher Ernst verwickelt. Das ist vielleicht die Grundlage dafür, dass zum vornehmlichen Opfer des Komischen der billige Ernst gehört. Polts Buch ist ironisch à la Suhrkamp-Theorie oder FAZ-Sachbuch in die großen Kapitel gegliedert: Grundwerte und historische Dimension. Äußeres und Europa. Inneres und Heimat. Wirtschaft und Finanzen. Arbeit, Berufe und Karrieren. Wissenschaft und Bildung. Verkehr und Mobilität. Bauen und Umwelt – eine lange Kette, geknüpft aus den kostbarsten Perlen, die der Intelligenzbetrieb vor sein staunendes Publikum wirft. Natürlich heißt ein Glied in dieser Kette: Von den letzten Dingen, und ich, der ich immer schon ein Anhänger der vorletzten Dinge war, lese bei Polt mit Vergnügen eine Grabrede, durch die dankend die Geistlichkeit hierarchisch adressiert wird, angefangen von H. H. Friedrich Kardinal Wetter (der uns "Worte des Glaubens geschenkt hat") und Augustin Kardinal Mayer ("der eigens aus Rom herbeigeeilt ist") über Herrn Generalvikar Dr. Gegenfurtner bis hinunter zu Herrn Pfarrer Pelg von Ziegersdorf-St. Josef. Hinter der Fülle an Vertretern des Herrgotts auf Erden und dem Dank, der ihnen zu zollen ist, verschwindet das Leben der Verstorbenen endgültig. Ihr allein gilt am Schluss nur der Dank, "dass sie diese wunderbare Beisetzung mit ihrem Hingang erst ermöglicht hat". Franz Schuh