In dieser Passage schließt sich Köhler überaus eng an Formulierungen an, die das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil von 1983 gewählt hatte, als es der vorzeitigen Neuwahl kein Hindernis in den Weg legte. Der Kanzler dürfe die vorzeitige Auflösung des Bundestags nur anstreben, "wenn es politisch für ihn nicht mehr gewährleistet ist, mit den im Bundestag bestehenden Kräfteverhältnissen weiter zu regieren". Seine Handlungsfähigkeit müsse so beeinträchtigt sein, "dass er eine vom stetigen Vertrauen der Mehrheit getragene Politik nicht sinnvoll zu verfolgen vermag". Schließlich ein Satz aus dem Urteil, der – Notstand hin oder her – wie heute gesprochen klingt: "Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, dass der Bundeskanzler im Dezember 1982 auch im Blick auf die nicht weiter aufschiebbaren schweren Entscheidungen, die die Probleme der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes, der äußeren Sicherheit und der Innenpolitik fordern, angesichts der politischen Kräfteverhältnisse davon ausging, dass eine vom stetigen Vertrauen der Mehrheit des Bundestages getragene und unterstützte Politik nicht mehr sinnvoll möglich sein werde." Die Funktion der indirekten Zitate Köhlers liegt auf der Hand: Er bindet sich eng an das Urteil des Gerichts – er bindet aber zugleich das Gericht an dessen eigenes Urteil von 1983. Schwer zu sehen, wie Karlsruhe sich von diesen Bindungen befreien könnte, zumal damals Helmut Kohl doch in durchaus verfassungswidriger Weise ein durchaus stabiles Mandat nur verbreitern und verlängern wollte – ein Ziel, das man Schröders Vertrauensfrage nun wahrlich nicht unterstellen kann.

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