Im Mittelalter war das Leben kurz und übersichtlich. Man heiratete, pflanzte sich fort, starb mit 30. Und das Einzige, was durchregierte, war die Pest. Heute dagegen: Nichts endet, alles geht weiter, jeder tritt auf der Stelle. "Wir haben zu wenige Kinder, und wir werden immer älter", sagt uns der Präsident. Das Älterwerden ist unser Unglück. Wir hätten damit aufhören müssen, als noch Zeit war. Jetzt ist es zu spät. Nicht mal die Pest will uns noch. Wir werden wohl ewig leben.

Das Gleiche in der Politik: Das Personal erinnert an eine Tourneetruppe, welche seit Jahrzehnten in bewährten Kostümen die Provinz durchkämmt. Die Regierung hat sich wund geherrscht, durch die Koalition zackt der Ermüdungsbruch. Aber sie wollen weitermachen. Das Einzige, was noch Wildheit und Abenteuer ins Leben bringt, ist der Wahlkampf: herrliche fünfte Jahreszeit, das Glück des Konjunktivs.

Der Wahlkampf ist das Missing Link zwischen Staatsbegräbnis und Karneval. Höhere Gewalt führt uns zusammen: Der Winter wird verbrannt, eine alte Regierung lässt sich beerdigen. Wir fühlen uns sehr lebendig. Heimlich durchmustern wir die Reihen nach den Feinden und Verbündeten der Zukunft. Wir sind nackt unterm Mantel der Möglichkeiten und spüren schon die Bärenkräfte des Amtes, das erst errungen werden muss.

Alle paar Jahre müsse ein zivilisiertes Volk Krieg führen, weil die Zivilisation einen Überschuss an Hass produziere, der nur im Kampf abzuführen sei – so spricht die Vulgärpsychologie. Im Wahlkampf ist diese platte Theorie blühendes Leben. Aus Abgeordneten werden Desperados, Staatssekretäre verjüngen sich zu Freiheitskämpfern, und mit dem Munde regieren alle schon mal durch, wenn auch vorerst nur bis morgen Früh, bumsfallera.

Der Wahlkampf ist die Zeit der Vorlust und der geheimen Signale. Als Angela Merkel am 1. Juli im Bundestag sagte, die CDU werde gemeinsam "mit der SPD, äh, der FDP regieren", so war das kein Versprecher (der erste Gedanke ist immer der wahre), sondern ein versteckter Antrag an den flotten Gerd, der auf seinem Kanzlerstuhl denn auch tief berührt die Augen lächelnd niederschlug und gewiss ordnungsgemäß errötet wäre, wenn ihm dieses Theatermittel zur Verfügung stünde.

Die Frau redete durch die Blume der Fehlleistung, der Lapsus verriet ihre Leidenschaft. In der Tat spricht vieles dafür, dass diese beiden sich finden, der rauflustige Straßenjurist und die falbe Physikerin. Selbst Schröders Gegner können sich schwer vorstellen, wie Deutschland ohne dieses geborene Staatstheatertier auskommen soll. Von Schröder fühlte man sich beschützt vor den anderen Filous und Weltteppichhändlern, den Putins, Bushs, Chiracs und Berlusconis. Und in dieses Theater der Zocker und der verwegenen Kerle wollen wir jetzt allen Ernstes sie schicken?