Es geschah an einem der ersten Frühjahrstage im April diesen Jahres. Bei einem Unfall im nordrhein-westfälischen Ahaus wird ein Radler verletzt. Als die Rettungskräfte eintreffen und sich seiner Kopfwunde annehmen wollen, flüchtet der Verletzte laut Polizeibericht mit dem Fahrrad. Stunden später wird er hinter einer Hecke gefunden. Es stellt sich heraus, dass er keine Krankenversicherung hat und die Kosten der Behandlung fürchtet.

Bisher kannte man solche Geschichten vor allem aus den USA, wo weit über 40 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung leben. In Deutschland waren diese Fälle eher selten. Doch wegen der schlechten Konjunktur und der Sozialreformen der vergangenen Jahre steigt inzwischen auch hierzulande die Zahl der Unversicherten.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes, das die Bürger per Mikrozensus alle vier Jahre über ihre Lebensumstände befragt, waren 1999 rund 150.000 Bürger betroffen, im Jahr 2003 bereits 188.000. Auf "mindestens 250.000" schätzte die Kommission zur Neugestaltung des Versicherungsvertragsgesetzes die Zahl der Unversicherten im vergangenen Jahr. "Und das ist konservativ gerechnet", sagt Lilo Blunck (SPD), die für den Bund der Versicherten in der Kommission saß. Andere Experten gehen sogar von 300.000 Fällen aus.

"Wir versichern in Deutschland alles bis zum Auto – nur das mit den Krankenkassen bekommen wir immer schlechter hin", sagt der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer, der sich heute als bayerischer VdK-Vorsitzender um die Belange von Behinderten und Sozialrentnern kümmert. Die Struktur der gesetzlichen Versicherung genüge ihren eigenen Bedürfnissen, aber nicht denen der modernen Arbeitsgesellschaft, sagt der CSU-Sozialexperte.

Krank ohne Krankenkasse – theoretisch war das auch in Deutschland immer möglich. Ab einem Jahresbruttoeinkommen von heute 46 800 Euro ist jedem freigestellt, ob und wie er sich versichert. Das gleiche gilt für Selbstständige. Ganz auf eine Versicherung zu verzichten ist allerdings riskant – eine Krebstherapie etwa kann in wenigen Monaten zehntausende Euro verschlingen. Auch die Mitgliedschaft bei einer privaten Krankenversicherung birgt Risiken. Sie ist zwar billig, solange man jung und gesund ist. Doch im Alter steigen die Beiträge – und zwar unabhängig von der Höhe des Einkommens. Wer nicht bezahlen kann, verliert den Schutz der Privatversicherung. In die gesetzliche Kasse zurückzukehren ist schwer und seit einer Neuregelung im Jahr 2000 für ältere Versicherte kaum noch möglich. Wohlhabenden traut man offenbar zu, all diese Risiken zu kennen und einzuschätzen.

Das Ehepaar Bierer, das seinen tatsächlichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, gehörte lange Zeit zu den Wohlhabenden. Ingenieur Fritz Bierer betrieb eine Planungsfirma im deutschen Südwesten. Als die Konkurrenz schon unter der Bauflaute litt, wuchs seine Firma noch kräftig, weil der Landkreis immer mehr Arbeit an private Firmen vergab. In der Hochphase seines Unternehmens beschäftigte Bierer 30 Mitarbeiter. Doch vor etwas über zehn Jahren kam es zum Streit wegen ausstehender Zahlungen. Der Landkreis, der inzwischen Hauptauftraggeber der Firma war, beendete daraufhin die Geschäftsbeziehung.

Danach ging es bergab. Das Unternehmen rutschte in die roten Zahlen, und zu Hause stapelten sich Rechnungen, die von den Bierers nicht mehr bezahlt werden konnten. Es müssen wohl auch ein paar von der privaten Krankenversicherung darunter gewesen sein, vermutlich sogar Mahnungen. Irgendwann kam dann die Kündigung. "Das ist nicht dramatisch, dachten wir damals", erinnert sich Gundula Bierer. Ein Irrtum, weiß sie heute.

Sie versuchte, sich wieder zu versichern. Viele Briefe hat sie geschrieben, viele Absagen bekommen. Irgendwann erhielt sie dann doch eine neue Police: für rund 500 Euro Monatsprämie und eine Selbstbeteiligung von jährlich 2000 Euro. Ihr Mann hatte weniger Glück. Er war zwischendurch krank geworden und monatelang bettlägerig. Natürlich wollte auch er wieder eine Versicherung, doch die Unternehmen wollten ihn nicht: einen kranken Mann, Mitte 50. Seine Frau musste die Behandlungen für ihren Mann aus eigener Tasche bezahlen. Mit einer kleinen Firma für Gesundheitsdienste ernährte sie die Familie, das Häuschen wurde inzwischen versteigert.