Als "Hüter der Verwandlung" hat Elias Canetti sich in seiner Rede Der Beruf des Dichters anlässlich seiner Münchner Ehrenpromotion 1976 bezeichnet. Der Dichter müsse alle dogmatischen Verkrustungen aufbrechen, indem er die "Vorstellung von der Variabilität menschlicher Sitten und Möglichkeiten" wachhalte. Der große Lehrmeister der Verwandlung – eine der wichtigsten Vokabeln im Weltbild Canettis – ist der Mythos, sind zumal die Metamorphosen des Ovid. Schon sein Erstlingsbuch, der Roman Die Blendung (1936) – der ohne die üblichen Schwächen einer literarischen Erstgeburt wie Athene mit voller poetischer Rüstung dem Kopf des Dichters entsprang – demonstriert die Folgen wahnhafter, sich der Verwandlung verweigernden Fixierung.

Ein "Verwandlungstier" wollte Canetti sein. Nun geht Sven Hanuschek in der ersten Biografie des großen, erst spät, seit dem Büchnerpreis 1972 und vor allem natürlich seit dem Nobelpreis 1981 zu Weltruhm gelangten Dichters den Metamorphosen dieses proteischen Künstlers nach. Gerade seine Metamorphosen machen eine Lebensbeschreibung riskant, so weiß der Biograf, denn wo ist Canetti zwischen all den Rollen, die er durchspielt hat, zu fassen? Zu den Vorzügen dieser ganz vorzüglichen Biografie, die man jedem als Pflichtlektüre verordnen möchte, der sich in Zukunft in diesem Genre versucht, gehört die Skepsis des Verfassers gegenüber der Gattung der Lebensbeschreibung, eine Skepsis, die ihn "sein" Autor selbst gelehrt hat. Dieser hegte eine tief verankerte Abneigung gegen Biografen und Biografien, verbot überhaupt testamentarisch, eine Lebensbeschreibung von ihm in den ersten zehn Jahren nach seinem Tod zu veröffentlichen.

Diese Zehnjahresfrist ist nun gerade rechtzeitig zu seinem hundertsten Geburtstag am 25. Juli abgelaufen. "Die Bücher sollen Zeit haben, sich ohne die Kenntnis privater Umstände des Autors zu bewähren." Wie Recht Canetti damit hat, zeigt die modische Flut von Künstlerbiografien, die oft das Kunstwerk kurzschlüssig zum bloßen Spiegel des erlebten Lebens profanieren. Den wahren Künstler aber zeichnet nach einem schönen Wort Richard Wagners das "zweite Gesicht" für das Nieerlebte aus. Der gegenwärtige Umgang mit dem Werk von Thomas Mann ist das abschreckende Beispiel für die biografistische Reduzierung des Autors aufs Allgemeinmenschliche, damit man sich nur ja mit ihm identifizieren kann. "Denn wenn ein Tausendstel von ihm anders war als das Übliche, so waren 999 Tausendstel wie bei jedem anderen", so Canetti. "Diese sind es aber, die man sucht und findet und zur Bestätigung des Üblichen verwendet."

Canetti hat es einem zukünftigen Biografen nicht leicht gemacht. Wie soll man eine Biografie schreiben, wenn der betrachtete Autor selbst eine dreibändige Selbstlebensbeschreibung der ersten Hälfte seines Lebens vorgelegt hat, die jetzt schon zu den klassischen Autobiografien der Weltliteratur gehört? Und dann: Ein Großteil des ungeheuren, ein Mehrfaches des veröffentlichten Werks umfassenden Nachlasses ist bis 2024 gesperrt, erst danach wird eine wirklich umfassende Biografie möglich sein. Weite Teile der Aufzeichnungen sind in einer kaum zu entziffernden Kurzschrift verfasst. Ein weiteres Hindernis sind die Vielsprachigkeit des kosmopolitischen Autors und die Verschollenheit seiner Muttersprache Ladino. Wann immer eine Biografie geschrieben wird: "Canetti wird sich nicht fassen lassen." So Hanuschek lakonisch. Und man möchte ergänzen: Das ist auch gut so.

Canetti selbst wäre mit dieser Biografie hoch zufrieden

Was hätte Canetti selbst wohl zu dieser Biografie gesagt? Ich bin sicher: Er wäre hoch zufrieden mit ihr gewesen. Was er vor allem befürchtete: seine "Übersetzung in Germanistik" – hier ist sie nicht eingetreten. Hanuschek schreibt nicht nur ein elegantes, federndes Deutsch, das keine abgegriffenen, modischen Floskeln, Subjektivismen und Betroffenheitsattitüden kennt, er verliert sich nie in gängigen Theorievokabeln, da gibt es keinen "Diskurs", der Canetti auf die Palme brachte, und nicht einmal einen "Text", den er auch nicht leiden konnte. Und trotzdem spürt man in jeder Zeile dieser durch und durch professionellen Biografie, dass Hanuschek mit allen Wassern der Philologie gewaschen ist.

Streng versagt sich der Autor quellenmäßig nicht zu stützende Spekulationen, sucht "Kurzschlüsse" und "Kategorienfehler zwischen Leben und Werk" zu vermeiden. Nie wird aktualisiert oder mit besserwisserischer Gönnermiene "hinterfragt", kaum je wird irgendetwas in dieser Vita geheimnisträgerisch interessant gemacht. Das hat schon einige auf spektakuläre Enthüllungen erpichte Leser verstimmt. Für den durch die Schiller-Biografien dieses Jubiläumsjahres Leidgeprüften ist die Lektüre von Hanuscheks Dokumentarbiografie ein Labsal.

"Von sich abzusehen" ist das erklärte Ziel des fast allzu bescheidenen Biografen. Und gegen diesen Vorsatz verstößt Hanuschek nie, ohne dass dadurch sein Buch an Lebendigkeit verlöre. Nur einmal rastet er förmlich aus, erlaubt er sich einen Stilbruch, den ihm der Lektor hätte streichen müssen, den ihm der Leser aber verzeiht. Wer die beste Zeit seines Lebens einem Autor opfert, darf sich wohl auch einmal einen Wutausbruch gönnen, wenn er sieht, dass jener jahrzehntelang einer Marotte aufsitzt, die ihn den grotesken, der Verwandlung unfähigen Gestalten in seinem eigenen Œuvre annähert. Diese Marotte ist die Tod-Feindschaft Canettis, seine absurde Unternehmung, "die Unsterblichkeit von den Göttern zurückzufordern". Folgendermaßen schmält Hanuschek (nicht ganz zu Unrecht): "Canettis jahrzehntelange Bemerkungen ›gegen den Tod‹ gehen einem auf die Nerven. Sie sind unklar, manchmal wirken sie wie glatter Unsinn." Freilich konzediert er, dass Canetti seine fixe Idee bisweilen selbst eisenfresserisch vorgekommen ist. "Erst Gott, dann Freud, dann Marx hast du dich verweigert, und immer schon dem Tod. Wohin rennst du so fleißig davon, Kaninchen?" Merkwürdig, dass ein so mythenkundiger Dichter wie Canetti nicht von den Mysterien des Todes angeweht worden ist.