Am 25. November 1970, 11 Uhr vormittags, fand im Hauptquartier der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte im Zentrum von Tokyo eine selbstmörderische Inszenierung statt, auf die das ganze Leben des Suizidanten zugelaufen war. Der weithin berühmte Dichter Mishima Yukio – so das Pseudonym für Kimitake Hitaoka, gewählt mit Anspielung auf den Namen eines Dorfes zu Füßen des Fujiyama – ließ für eine heruntergekommene Welt des "Geldes und des Materialismus", der "satten Bäuche", der "schal gewordenen Lust" und der "verkauften Unschuld" den heroischen nationalen Weckruf erschallen, das tenno heikai banzai! (Lang lebe der Kaiser!), dessen Beglaubigung der freie Tod sein sollte. Aus Blut und Gedärmen, von Gnaden eines brutalen Opfer-Aktes, sollte die Sonne Japans noch einmal aufgehen. Diese Szene macht die große belgisch-französische Autorin Marguerite Yourcenar zum Zentrum ihres Essays über Mishima und seine Todesvision.

Seit 1967 hatte Mishima eine Gruppe Zwanzigjähriger, die "Schildgesellschaft", eine Wehrsportgruppe in selbst gebastelten Uniformen, um sich geschart, deren Aufgabe es sein sollte, den Tenno zu schützen – zur Not auch vor sich selber, nachdem er am 1. Januar 1946 seinen göttlichen Souveränitätsanspruch preisgegeben hatte. Die mit ihrem 25 Jahre älteren Führer homoerotisch verbundenen "Schildträger" hatten sich, wie vormals die Samurai, nach dem bushido, dem Weg des Kriegers, besonders nach dem hagakure, einem Ehrenkodex des frühen 18. Jahrhunderts, trainiert. End-, Ziel- und Höhepunkt war das Seppuku, im Westen als Harakiri bekannt, das ritualisierte Aufschlitzen des Bauches als Sitz der Lebenskraft und Persönlichkeit. Es war das Privileg der Samurai, Kern einer Kriegerethik, die mit der Bereitschaft zum freien Tode signalisierte, dass sie frei von den Utilitäten der Selbsterhaltung und allen materiellen Interessen war, verpflichtet allein dem Geist einer bedingungslosen Gefolgschaft.

Mishima sah sich in dieser Tradition. Seinen im Krieg noch angeblich tuberkulösen, nicht wehrdienstfähigen Körper hatte er 25 Jahre nach Kriegsende gymnastisch umgestylt: eine Synthese von Bodybuilder und Samurai. Vom Gebrauch der Hanteln war Mishima mit seiner schildtragenden Pfadfindertruppe zum Schwerttraining übergegangen. Feuerwaffen waren als unheroische Distanzwaffen verpönt: Ausdruck einer im Fitness-Studio exerzierten Anti-Moderne.

Am 25. November 1970 war der Zeitpunkt für die nationale Umkehr gekommen. Die "Schildträger" dringen in das Armee-Hauptquartier ein und setzen dem Kommandeur der Oststreitkräfte, General Mashita, das Schwert an die Kehle: Die Geiselnahme soll eine Öffentlichkeit erzwingen, vor der Mishima das Signal für die Rückkehr zum direkten Regime des Tennos geben will. Mishima redet auf der Proszeniumsloge des Balkons. Allein, selbst dem Militär fehlt der Glaube, es hält den leidenschaftlichen Rhetor für verrückt. Eine unerhörte Szene: Der zu allem entschlossene Rufer in der nationalen Wüste wird von allen verlacht. Nicht einmal akustisch wird Mishima dank der Präsenz von Hubschraubern und Sanitätswagen, Presse und Polizei verstanden.

Innen ist dafür alles um so korrekter für das Seppuku präpariert. Mishima stößt sich das Kurzschwert nach den Regeln der Kunst unterhalb des Nabels auf der linken Seite in den halb entblößten Leib, zieht es dann nach rechts; anschließend will er von seinem geliebten Erzjünger Morita enthauptet werden, was wegen dessen mangelhaften Fähigkeiten trotz mehrmaliger Versuche nicht gelingt. Mishima selbst hatte bisher nur als Schauspieler bei der Verfilmung seiner Novelle Yukoku (Patriotismus) das Seppuku geübt. Schließlich vollendet ein Dritter das blutige Werk.

Die japanische Selbstmordfolklore pflegt die Details gerne zu vergessen: Was sich da nach den obligaten Reinigungsriten zwischen weißen Handschuhen, Seidengewand und letztem Gedicht aus dem Bauch erbricht, ist mit den Gedärmen das Blut und der Kot: kein schöner Tod. Und die Medien, auf die Mishima als Publikum und Multiplikator kalkuliert hatte, können von einer Snuff-Tragödie mit lebendem Opfer berichten, deren freiwilliges Opfer die Rolle des letzten Samurai gab.

Der Mishima-Essay von Marguerite Yourcenar ist eine späte Arbeit der Autorin und wurde von Hans-Horst Henschen vorzüglich übersetzt. Bewundernswert, wie Yourcenar aus intimer Werkkenntnis die literarischen Antizipationen einer Tat skizziert, die auch sie als das Ziel dieses Lebens sieht. Und keineswegs drückt sich die 77-jährige Autorin bei aller spürbaren Sympathie um das peinliche Detail, im Gegenteil: Sie fügt allen Monstrositäten noch die Wattepfropfen hinzu, die zur Wahrung der Würde des Suizidanten dazu dienen sollten, "die Eingeweide in den Zuckungen der Agonie an der Entleerung zu hindern".

Mehr noch freilich stilisiert Yourcenar Mishima. Sie feiert ihn als "Zeugen" und "Märtyrer des heroischen Japan", den Selbstmord als sein Hauptwerk und letzte Beglaubigung. Die "Kaskade von Blut und Eingeweiden", der steigende "Pegel von Ekel und Leere" macht sie schaudern, aber "begeistert" sie auch "wie jedes Schauspiel totalen Mutes" in seiner "reinen Einfachheit". Ja, unter Berufung auf das Matthäus-Evangelium von Pasolini entsteigt für sie "diesen letzten Augenblicken von Mishimas Leben der Ozonhauch reiner Energie". So hart an der Kitschgrenze der Nachruf auf das makabre Ende eines Ästheten.

Die Stilisierung ignoriert aber vor allem, wie heillos paradox die politische Ästhetik der Szene ist: keine Tragödie, nicht einmal eine Tragikomödie, nur eine heroische Farce. Mishima war gewiss ins Scheitern verliebt. Doch das Projekt einer Restauration durch Rebellion, der Resakralisierung eines Tennos, der sich selbst säkularisiert hatte, konnte von vornherein nicht einmal die Würde eines ernsthaften Scheiterns haben.

Die Intentionen, denen der selbst scheiternde Großessay folgt, sind ehrenwert: Mishima gehört für Yourcenar wie einst die stoischen Philosophen zu jenen Meistern, die die "Kunst des heilsamen Sterbens" beherrschen: "Wie man sich mit dem Tode vertraut macht" – in großen Lettern schreibt’s der Essay. Der Tod als Vision der "Leere", die für den Buddhismus freilich eine hoch komplexe Chiffre des gewaltfreien Verlöschens ist. Das hagakure, Mishimas Samurai-Traktat, wird begeistert zitiert. Und man wundert sich geradezu, dass der von Yourcenar erstaunlicherweise ebenfalls ins tödliche Spiel gebrachte Montaigne mit seiner neostoischen Kunst des Sterbenlernens nicht auch schon ein Samurai und Seppuku-Praktiker war. Aber von Montaigne zu Mishima führt kein Weg, der gangbar, geschweige denn einladend wäre.