Die Revolution der Funktionäre

Arles. Sie sahen aus, als wären sie gerade dem Ferienflieger von einer Balearen-Insel entstiegen. Neunhundert gut gelaunte und braun gebrannte Männer und Frauen feierten kürzlich im Gemeindehaus der südfranzösischen Stadt Arles ein Familienfest der besonderen Art. Den Saal mit seinen ramponierten Säulen und Kitschfresken hatte der kommunistische Bürgermeister kostenlos zur Verfügung gestellt. Zur Begrüßung lud er die Besucher ein, ihm zu einer weiteren Attraktion des Tages zu folgen. Denn im römischen Amphitheater nebenan versammelten sich gerade die Mädchen der Camargue in Volkstrachten zur Wahl der Schönheitskönigin Reine d’Arles, anschließend gab es Stierkampf.

Doch die Gäste waren nicht nur zum Vergnügen gekommen. Es waren Aktivisten aus dem linken Parteienspektrum Frankreichs. Sie hatten gerade den größten Durchbruch aller Zeiten erlebt und wollten nun selbst einen König küren. "Unser Nein zur Verfassung", jubelte ein Eröffnungsredner, "hat die wichtigste historische Zäsur seit dem Fall der Mauer bewirkt – die Geburt einer neuen Widerstandsbewegung, die alle politischen Fronten aufbricht."

Zum Gründungskongress "Für eine neue Union der Linken" Anfang Juli hatte eine Gruppe von Abweichlern in der Sozialistischen Partei (PS) eingeladen, die nach ihrem Non- Triumph vom 29. Mai die französischen Parteien umkrempeln will. Anders als in Deutschland planen die französischen Genossen von Linksaußen nicht die Abspaltung einer neuen Partei. Traditionell besitzt das Land ein breites Spektrum am linken Rand, das nach endlosen Bruderkriegen jetzt vielmehr den Zusammenschluss anstrebt.

Der Volksentscheid zur EU-Verfassung war ein Himmelsgeschenk. Nie zuvor hatte eine solche Regenbogenkoalition aus abtrünnigen Sozialisten, linken Souveränisten, Protestbauern, Grünen, Anarchisten, Globalisierungskritikern, Trotzkisten und Kommunisten eine derart griffige Formel, um sich gegen das ultimative Feindbild zu vereinen: das neoliberale Europa.

"Erstaunlich archaisch in ihren Botschaften, aber entschieden modern in ihrer Öffentlichkeitsarbeit", so beschreibt das Magazin Nouvel Observateur die erstarkten fundamentalistischen Linken. Ihre Forderungen reichen von einer Rückkehr zu Wirtschaftsprotektionismus und Staatskontrolle bis hin zur Nationalisierung von Banken und Großindustrien. In jahrzehntelangen Rivalitäten hatten die Splitterparteien ihr beachtliches Potenzial von zusammen nahezu 20 Prozent Stammwählern immer wieder vergeudet. Bei der Präsidentenwahl 2002 sorgten sie mit einem halben Dutzend Kandidaten sogar dafür, dass der sozialistische Premier Jospin stürzte und beinahe der Rechtsextremist Le Pen gesiegt hätte.

Dieses Trauerspiel soll sich nicht wiederholen. Dafür möchte vor allem ein Mann namens Jean-Luc Mélenchon sorgen, der die PS für den linken Rand öffnet. Der 54 Jahre alte Hinterbänkler, seit 20 Jahren sozialistischer Senator in der zweiten französischen Parlamentskammer, hat den Spitznamen "gallischer Bolschewik". Sein Traum ist, an die Jahre von François Mitterrand anzuknüpfen, der schon einmal mit einer Art Volksfront aus Sozialisten und Kommunisten ins Präsidentenamt gelangt war. Mélenchon, einst Berufsschulminister in der Regierung Jospin, mobilisiert seit Monaten seine Genossen und knüpft Kontakte mit antiliberalen Parteien. Und mit ihrem geschlossenen Auftreten beim Verienigungstreffen in Arles dokumentierte die radikale Führungsprominenz, dass Frankreich reif für eine Linksunion ist.

Eine wichtige Rolle im neuen Bündnis spielt Jacques Nikonoff, Präsident von Attac. Der hünenhafte Elitebeamte und Wirtschaftsprofessor warnte noch 2003, Attac dürfe kein "allzu linkes Image" bekommen und "kein Laboratorium für die Erneuerung der Linken" werden. Doch während der Referendumskampagne hat er Gefallen am Erfolg gefunden und seine globalisierungskritische "Volksbildungsbewegung" den radikalen Gruppen angenähert. Das brachte ihm schon den Vorwurf ein, Anführer einer neuen linksradikalen Partei, ja der gepanzerte Arm im Kampf gegen die PS zu sein. Doch Frankreich habe keinen Platz für eine politische Neugründung, wiegelt Nikonoff heute ab: "Wir bleiben ein Think Tank, der für die Regeneration der Parteien kämpft."Was im Klartext heißen könnte: Das neue Aktionsbündnis soll die PS von links aufbohren.

Dafür fehlt der union de la gauche bislang ein gemeinsamer Kandidat für die Präsidentenwahl 2007. Als chancenreich gilt der berühmte Protestbauer José Bové. Populär ist auch ein junger Postbote, der die "Kommunistische Revolutionsliga" (LCR) führt: Olivier Besancenot, 32, der eloquente Trotzkist mit dem Engelsgesicht, predigt die permanente antikapitalistische Revolution und die Unterwanderung der Apparate, lehnte aber bislang jede Regierungsbeteiligung ab. Immerhin hatten er und seine verfeindete proletarische Schwesterpartei LO (Lutte Ouvrière) bei den Präsidentenwahlen 2002 fast zehn Prozent der Stimmen errungen. Aber weil sie das Schicksal der ehemals moskautreuen Kommunistischen Partei (PCF) vor Augen haben, wollte bisher keiner von ihnen mitregieren.

Die Revolution der Funktionäre

Denn die union de la gauche ist zugleich der Fluch der radikalen Linken. Mit diesem Zauberwort hatte sich bereits Sozialistenchef Mitterrand den Rückhalt der Splitterparteien für seine Präsidentschaft gesichert. Und auch der sozialistische Premier Lionel Jospin konnte 1997 mit der lockerer verbundenen Gauche Plurielle immerhin fünf Jahre lang regieren. Doch mit jeder Regierungsbeteiligung schmolzen die kleinen Partner dahin, allen voran die Kommunistische Partei.

Doch neuerdings gibt Trotzkistenführer Besancenot die Losung aus: "Sektierertum ist Gift für die Linke." Er hat während der Referendumskampagne so viele Berührungspunkte mit seinen linken Rivalen gefunden, dass er jetzt erstmals die Frage nach einer gemeinsamen Regierungsbeteiligung aufwirft – was in Frankreich als Sensation gilt.

Das freut auch Marie-George Buffet, traditionelle Schmerzensmutter und neuerdings wieder Hoffnungsträgerin der französischen Altkommunisten (PCF). Für die 59-Jährige hat die aktuelle Sammlungsbewegung das Format einer "neuen Volksfront" wie in den dreißiger Jahren. Das Non zur EU-Verfassung empfindet sie als persönlichen Triumph und ruft ihre Genossen auf, das "linke Klein-Klein" zu überwinden".

In Frankreich sind dies vornehmlich die Beamten. Ihr Defilee bildete den Höhepunkt des Kongresses in Arles. Ein halbes Hundert Führungskräfte aus dem Netzwerk der Linksunion schritt auf die Bühne, und es waren ausnahmslos Staatsdiener aus dem öffentlichen Dienst sowie aus den Verwaltungen und Parlamenten des Landes. Auch das ist eine französische Besonderheit: der Typus des Beamten-Revolutionärs, der, wie es der Soziologe Pierre Bourdieu definiert hatte, nicht nur die verhasste Obrigkeit, sondern auch das Gemeinwohl verkörpern soll. In Frankreich steht er bei Kämpfen an vorderster Front, weil er dank seiner staatlichen Absicherung mehr wagen kann als normale Arbeitnehmer.

Fast gleichzeitig mit der Königinnen-Wahl im Amphitheater von Arles schnürten auch die Unionsanführer das Bündel ihrer Führungsfragen. Für ihren Vordenker, den Senator Mélenchon, steht längst fest, dass im Wahlkampf 2007 nur ein Gegner der EU-Verfassung die regenerierte Linke vertreten kann: "In der Sozialistischen Partei, die künftig alle Strömungen versammeln soll, gibt es nicht allzu viele, die dafür infrage kommen."

Alle applaudierten begeistert, und obwohl niemand den Namen genannt hatte, wusste jeder, wer gemeint ist: Laurent Fabius, der ehemalige Parteivize, der jetzt die Früchte seiner Non- Kampagne erntet. Bis zum 29. Mai galt er als politische Leiche auf Urlaub, weil er die EU-Verfassung gegen die Linie seiner Partei abgelehnt hatte. Doch jetzt ist er der Sieger, weil er als einziger prominenter Sozialist früh erkannt hatte, dass das Non möglich ist – gemäß der Lehre seines Ziehvaters Mitterrand, dass man links nur durch Protest an die Macht kommt.

Der ehemalige Wirtschaftsliberale Fabius, der 2002 noch Kandidat für den Internationalen Währungsfonds war, agiert heute wie der Ehrenpräsident von Attac. Doch er meidet bislang den direkten Kontakt mit den Antiliberalen und schickt zur Sondierung nur prominente Vertraute zu den Unionstreffen. Aus mehr als einem Grund vergleicht man ihn, den Bourgeois-Sozialisten, mit dem Napoleon von der Saar, Oskar Lafontaine: Beide sind ehemalige Finanzminister und gestürzte Engel ihrer Parteien, die sich für ihren Machtverlust durch Annäherung an die extreme Linke rächen.

Die Revolution der Funktionäre

Innerhalb der orientierungslosen Reformsozialisten nutzt Fabius die Opposition gegen die EU als politisches Kontrastmittel. So gelten seine Chancen als groß, im Herbst mit Unterstützung der union de la gauche zum Präsidentschaftskandidaten einer umgekrempelten PS gekürt zu werden. Unterstützung findet er auch von prominenten jungen Wilden in seiner eigenen Parlamentsfraktion, die nach den Jahren sozialistischer Gummi-Opposition gegen das konservativ-liberale Regierungslager ebenfalls einen Linksruck der PS wollen.

Und wofür das alles gut sein soll, das brachte Rädelsführer Mélenchon am Schluss des Gründungskongresses in Arles auf eine Formel, die die fidelen Funktionäre vollends begeisterte: "La vie douce" – "Unser Programm ist sehr einfach: Wir wollen Gesundheit, Arbeit, Wohnung, Bildung und Urlaub, kurz: das süße Leben."