Denn die union de la gauche ist zugleich der Fluch der radikalen Linken. Mit diesem Zauberwort hatte sich bereits Sozialistenchef Mitterrand den Rückhalt der Splitterparteien für seine Präsidentschaft gesichert. Und auch der sozialistische Premier Lionel Jospin konnte 1997 mit der lockerer verbundenen Gauche Plurielle immerhin fünf Jahre lang regieren. Doch mit jeder Regierungsbeteiligung schmolzen die kleinen Partner dahin, allen voran die Kommunistische Partei.

Doch neuerdings gibt Trotzkistenführer Besancenot die Losung aus: "Sektierertum ist Gift für die Linke." Er hat während der Referendumskampagne so viele Berührungspunkte mit seinen linken Rivalen gefunden, dass er jetzt erstmals die Frage nach einer gemeinsamen Regierungsbeteiligung aufwirft – was in Frankreich als Sensation gilt.

Das freut auch Marie-George Buffet, traditionelle Schmerzensmutter und neuerdings wieder Hoffnungsträgerin der französischen Altkommunisten (PCF). Für die 59-Jährige hat die aktuelle Sammlungsbewegung das Format einer "neuen Volksfront" wie in den dreißiger Jahren. Das Non zur EU-Verfassung empfindet sie als persönlichen Triumph und ruft ihre Genossen auf, das "linke Klein-Klein" zu überwinden".

In Frankreich sind dies vornehmlich die Beamten. Ihr Defilee bildete den Höhepunkt des Kongresses in Arles. Ein halbes Hundert Führungskräfte aus dem Netzwerk der Linksunion schritt auf die Bühne, und es waren ausnahmslos Staatsdiener aus dem öffentlichen Dienst sowie aus den Verwaltungen und Parlamenten des Landes. Auch das ist eine französische Besonderheit: der Typus des Beamten-Revolutionärs, der, wie es der Soziologe Pierre Bourdieu definiert hatte, nicht nur die verhasste Obrigkeit, sondern auch das Gemeinwohl verkörpern soll. In Frankreich steht er bei Kämpfen an vorderster Front, weil er dank seiner staatlichen Absicherung mehr wagen kann als normale Arbeitnehmer.

Fast gleichzeitig mit der Königinnen-Wahl im Amphitheater von Arles schnürten auch die Unionsanführer das Bündel ihrer Führungsfragen. Für ihren Vordenker, den Senator Mélenchon, steht längst fest, dass im Wahlkampf 2007 nur ein Gegner der EU-Verfassung die regenerierte Linke vertreten kann: "In der Sozialistischen Partei, die künftig alle Strömungen versammeln soll, gibt es nicht allzu viele, die dafür infrage kommen."

Alle applaudierten begeistert, und obwohl niemand den Namen genannt hatte, wusste jeder, wer gemeint ist: Laurent Fabius, der ehemalige Parteivize, der jetzt die Früchte seiner Non- Kampagne erntet. Bis zum 29. Mai galt er als politische Leiche auf Urlaub, weil er die EU-Verfassung gegen die Linie seiner Partei abgelehnt hatte. Doch jetzt ist er der Sieger, weil er als einziger prominenter Sozialist früh erkannt hatte, dass das Non möglich ist – gemäß der Lehre seines Ziehvaters Mitterrand, dass man links nur durch Protest an die Macht kommt.

Der ehemalige Wirtschaftsliberale Fabius, der 2002 noch Kandidat für den Internationalen Währungsfonds war, agiert heute wie der Ehrenpräsident von Attac. Doch er meidet bislang den direkten Kontakt mit den Antiliberalen und schickt zur Sondierung nur prominente Vertraute zu den Unionstreffen. Aus mehr als einem Grund vergleicht man ihn, den Bourgeois-Sozialisten, mit dem Napoleon von der Saar, Oskar Lafontaine: Beide sind ehemalige Finanzminister und gestürzte Engel ihrer Parteien, die sich für ihren Machtverlust durch Annäherung an die extreme Linke rächen.