London. Terroristen im Dschungel der Riesenstadt, Sprengstofffunde in Appartements, ein Polizeikommando, das einen Unschuldigen niederstreckt – im Londoner Alltag mangelt es nicht an realem Schrecken. Dennoch gruseln sich Abend für Abend Tausende von Londonern in den großen Kinos rund um den Leicester Square bei Spielbergs neuestem Blockbuster War of the Worlds. Prophetisch hatte H. G. Wells zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schreckenstechniken der Moderne vorausgesehen, die Britanniens Metropole und andere Städte der Welt dereinst heimsuchen sollten. Die Feinde, die Tod und Zerstörung brachten, beschrieb der visionäre Autor als "kalt, ohne Mitgefühl, die uns mit neidischen Augen anschauen, während sie langsam, aber unausweichlich ihre Pläne vorantreiben".

Die Feinde, die jetzt gejagt werden, kommen von innen und doch zugleich aus einer fremden Welt. Die Konterfeis dieser britischen Muslime flackern regelmäßig über Fernsehschirme, prangen auf Plakaten und Titelseiten. Man kennt ihre Gesichter, weiß, wo sie lebten und dass sie mit den Selbstmordbombern des 7. Juli in Wales auf Wildwasser-Kanufahrt gingen. Rund 3000 bewaffnete Polizisten versuchen, ihrer habhaft zu werden. Bislang vergeblich. Die Terroristen sind untergetaucht; ihre Spuren verlieren sich in der Schattenwelt heruntergekommener Towerblocks im Norden Londons, in seelenlosen Hochhäusern der Beton-brutal-Architektur der Sechziger, deren Bewohner unablässig wechseln. Asylbewerber, illegale Einwanderer und Sozialhilfeempfänger, zu denen auch einer der Gesuchten zählt, leben dort gleichgültig nebeneinander. Nur spärlich dringen aus diesem Milieu Hinweise an die Polizei. Die Suizidbomber konnten offenbar wie Fische im Wasser untertauchen, fanden Zuflucht in konspirativen Wohnungen, unterstützt womöglich von einem Netzwerk lokaler Anhänger der neuen al-Qaida, das weiter gespannt zu sein scheint, als der MI5 vermutet hatte.

Ein Verdacht muss "glaubwürdig" sein. Dann gilt: Feuer frei!

Die Nervosität wächst. Mit jedem Tag, der ergebnislos verstreicht, steigt das Risiko. Für islamistische Terroristen, die beschlossen haben, ihr Leben als Waffe einzusetzen, gibt es kein Zurück. Das wissen die Fahnder. Zugleich nimmt die Gefahr zu, eine weitere unschuldige Person könnte von Scharfschützen getötet werden. Ian Blair, Chef von Scotland Yard, mag das nicht ausschließen. Die Richtlinien für den Einsatz gegen potenzielle Suizidbomber gelten weiterhin. Es genügt demnach, dass der Verdacht, einer sei ein Selbstmordattentäter, credible, also glaubwürdig ist. Gewiss mussten die Beamten, die acht Schüsse auf einen jungen Brasilianer abfeuerten, blitzschnell abwägen und die fatale Entscheidung treffen. Gleichwohl überrascht, wie verständnisvoll Londons Oberbürermeister, ansonsten Kontroversen nicht abhold, und ebenso die Menschenrechtsorganisation Liberty auf die Todesschüsse reagierten.

In Deutschland würden die Wogen wohl höher schlagen. Da streiten sich die Experten, ob die Vorschrift des "finalen Rettungsschusses" im Ernstfall als Rechtsgrundlage ausreichen würde, um auf jemanden zu schießen, der bloß gefährlich wirkt. Schließlich ist die Regelung für Geiselnahmen erdacht worden. Ohne jedes Zögern einen Suizidmörder zu töten aber ist eben doch noch etwas anderes. Doch scheint es, als möchte sich auch in Zukunft lieber kein Berliner Politiker Gedanken darüber machen, was deutsche Polizisten in einem solchen Szenario zu tun hätten.

Hingegen entsprang die "Israelisierung" des Kampfes gegen den Terror, die im Falle "unmittelbarer, glaubwürdiger Gefahr" den Todesschuss erlaubt, einer bewussten Entscheidung der britischen Polizei. Sechs Monate nach dem 11. September 2001 rüstete sie sich bereits für die Eskalation des Terrors. Besteht der dringende Verdacht, einen Selbstmordattentäter vor sich zu haben, soll der Täter durch Schüsse in den Kopf getötet werden, um eine Explosion seiner Bombe zu verhindern. Von einer "Exekution" durch "inkompetente" Beamte sprechen erbittert die Angehörigen des Opfers. Eine unabhängige Untersuchung ist eingeleitet.

Die Terrorattacken beginnen die kollektive Psychologie zu verändern. Von Hysterie kann nach wie vor nicht die Rede sein, zur Enttäuschung rechtsextremer Splittergruppen. Die meisten Londoner demonstrieren, halb trotzig, halb resigniert, weiterhin Gleichmut: Man will sich nicht unterkriegen lassen, steigt weiter in U-Bahnen und Busse, fährt zur Arbeit, zum Einkaufen oder ins Kino ins Westend. Aber Unbehagen und Misstrauen wurden zu stetigen Begleitern. Rarer geworden ist das höflich-gleichgültige Wegschauen. Man beäugt andere Passagiere, mustert Rucksäcke und Gepäckstücke, zumal wenn sie dunkelhäutigen Fahrgästen gehören.

"Demokraten dürfen sich nicht auseinander dividieren lassen"