Schon vor 2400 Jahren, in der Praxis des Hippokrates von Kós, klagten die Patienten über Schmerzen im hypochondrion, der Gegend unter dem Rippenbogen. Was immer im Gedärm und in umliegenden Organen für Unbehagen sorgte, galt als Ausdruck derangierter Gefühle. Spätere, klassische Medizinautoren wie der griechische Anatom Galenos von Pergamon assoziierten die Beschwerden im hypochondrion mit der Melancholie – dieses antike Erbe klingt bis heute im Wort Hypochondrie nach.

Die "melancholische Flatulenz" blieb bis ins 17. Jahrhundert ein stehender Begriff. Dann wandelte sich die Bedeutung. Der Mensch trat als Individuum in die Welt, begann sich selbst zu betrachten und in sich hineinzuhorchen. Man schwelgte in Empfindsamkeit, die ersten Autobiografien erschienen. Aus der Säfte- und Gemütskrankheit des Altertums entwickelte sich die Nervenstörung der Aufklärung. Die Hypochondrie traf gewissermaßen den Nerv der Zeit. Wer etwas auf sich hielt, ließ sich gern die "windige Melancholey", eine "Miltz-Blehung" oder auch die "Krankheit der Gelehrten" bescheinigen. Das klang kunstsinnig und intellektuell. Und so wie die Patienten danach verlangten, verteilten die Ärzte das Prädikat Hypochondrie geradezu inflationär. Der dänische Arzt Johann Ulrich Bilguer schloss, "daß die Hypochondrie heutigen Tages eine fast allgemeine Krankheit ist, und dass sie eine Ursache der Entvölkerung abgeben kann." Die Mode wurde Gegenstand von Polemiken. "Denn, weil man diese Krankheit gemeinigtlich bei Gelehrten findet, so geben die dümmsten Leute am meisten vor, daß sie hypochondrisch sind", wetterte der Hamburger Schriftsteller und Arzt Johann August Unzer.

Derweil mühte sich die Wissenschaft, das unfassbare Leiden zu erklären. Das Problem musste irgendwo zwischen Seele und Organen nisten. Nur wo? Robert Whytt, Medizinprofessor an der Universität von Edinburgh, entwickelte in seinem Werk Von dem Bau, dem Nutzen und der Sympathie der Nerven die Idee einer "zu großen Zärtlichkeit und Empfindlichkeit des ganzen Nervensystems". Auf die physiologischen Grundlagen ging der Gelehrte zwar nicht näher ein; dennoch begeisterte seine Deutung der Hypochondrie als Nervenkrankheit die Zunft so sehr, dass Whytts Werk in vielen Auflagen und Sprachen Verbreitung fand.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Blütezeit der Hypochondrie. Rund einem Drittel ihrer Patienten stellten die Ärzte das begehrte Attest aus. Die Diagnose wurde zum Gegenstand der Literatur. Populärmedizinische Schriften gaben den "nöthigen Unterricht für Hypochondristen, die ihren Zustand recht erkennen und sich vor Schaden hüten wollen". Müßiggang wurde als Ursache ausgemacht, des weiteren die Schwelgerei, sitzende Tätigkeiten, Onanie oder auch der ehelose Stand über das 25. Lebensjahr hinaus.

Die Deutung als nervöses Leiden wurde nach und nach durch die Vorstellung von Neurosen und Hirnkrankheiten ersetzt. Für den deutschen Psychiater Wilhelm Griesinger war die Hypochondrie eine Art milde Geisteskrankheit. Einerseits könne diese durch vorübergehende Irritationen der inneren Organe entspringen, andererseits aber auch direkt aus dem Gehirn. Der Mediziner Theodor Remmets aus Weeze fasste 1872 im ersten Satz seiner Inauguraldissertation den Stand der Kenntnisse zusammen: "Ueber die Hypochondrie ist schon sehr viel geschrieben worden, so dass man in der Literatur vielen Ansichten begegnet, welche über das Wesen dieser Krankheit und deren Erklärung sehr von einander abweichen."

Mit dem Aufkeimen der Psychodynamik kam zwar eine neue Dimension in die Hypochondrie-forschung – aber ohne befriedigende Ansätze. Sigmund Freud schrieb am 18. März 1912 an seinen ungarischen Kollegen Sándor Ferenczi, er habe "…das Dunkel in der Hypochondriefrage immer als eine schwere Schande für unsere Bestrebungen empfunden". Unter Experten galt die Hypochondrie zunehmend als echte Krankheit irgendwo im Grenzgebiet zwischen Psychiatrie und Organmedizin.

Heute hat die Hypochondrie mit ihrer Obsession, jedes Symptom gleich für das Zeichen einer tödlichen Krankheit zu halten, kaum mehr etwas mit der schicken Intellektuellen-Krankheit des 18.Jahrhunderts zu tun. Und wenn Woody Allen oder Harald Schmidt mit ihren hypochondrischen Befürchtungen kokettieren, sind das allenfalls Reminiszenzen an früher. Von einer echten Hypochondrie sind diese Menschen weit entfernt, sonst könnten sie kaum so erfolgreich arbeiten.

Mittlerweile durchleuchtet die moderne Hirnforschung auch die letzte Windung des Zentralorgans. Doch die Hypochondrie entzieht sich noch immer dem wissenschaftlichen Zugriff. Viele Deutungen leiten sich aus dem Wissen über die (besser untersuchten) chronischen Ängste ab. Offenbar hemmen bei gefühlsarmen Hypochondern bestimmte Hirnareale die Angstreaktionen nicht mehr, sodass sich diese verselbstständigen und schließlich das vegetative Nervensystem in dauerhaftem Erregungszustand halten.