Sind die Deutschen ein Volk von Hypochondern? Zumindest klagen sie gerne; auch über Dinge, die anderen Nationen unsichtbar sind, zum Beispiel das berühmte Waldsterben seligen Angedenkens. Das Waldsterben, falls es existierte, ist übrigens niemals kuriert, sondern nur verdrängt worden von der Beobachtung anderer eingebildeter oder tatsächlicher Leiden. Sie sind größtenteils eine Definitionsfrage. Die Furcht vor radioaktiver oder chemischer Vergiftung hat sich in einer Bestimmung extrem niedriger Grenzwerte niedergeschlagen, die zuverlässig dafür sorgen, dass es der Furcht nicht an Bestätigung mangeln wird. Lang ist die Liste von Missständen, die nur hierzulande auftreten, weil sie in anderen Ländern nicht als solche deklariert wurden. Aus der Medizin ist bekannt, dass in Deutschland der niedrige Blutdruck als Krankheit behandelt wird, während er anderswo als lebensverlängerndes Konstitutionsmerkmal gilt.

Es gibt eine sozialpsychologische Theorie, nach der alle geistigen Störungen, die bei Individuen auftreten, sich auch im Kollektiv beobachten lassen. Das heißt: Nicht nur Einzelne können unter einem Verfolgungswahn leiden, sondern auch Familien, Gruppen, am Ende Nationen. Nicht nur Einzelne, sondern ganze Kulturen können neurotische Züge entwickeln wie etwa den in Europa belächelten Hygienefimmel der Amerikaner. Er führte seinerzeit dazu, dass sie als Besatzungsmacht in Berlin sofort das bekannt gute Grundwasser chlorten, um Seuchen vorzubeugen; mit ihrem Abzug verschwand das Chlor, ohne dass deswegen Typhus und Cholera ausgebrochen wären.

Ein starkes Indiz für die Existenz kollektiver Ticks ist ihre kulturelle Besonderheit. Die Franzosen kennen weder den amerikanischen Hygienefimmel noch die deutsche Furcht vor Kreislauferkrankungen, sie fürchten aber um ihre Leber. Selbst die Migräne wird dort als Crise de foie bezeichnet. Sorgen dieser Art sind älter als jede Wissenschaft, auch wenn sie diese vielleicht sogar bestätigt. In älteren deutschen Theaterstücken ruft der Held, der eine schlimme Nachricht erhält: "Mein Herz!"; in französischen Dramen: "Meine Leber, meine Milz!"

Um die Milz ist es übrigens verdächtig still geworden; offenbar können bestimmte medizinische Ängste mit der Epoche verschwinden, deren Ausdruck sie waren. Gehört die Hypochondrie der Deutschen zu diesen Leiden, die das Gesicht einer nationalen Epoche artikulieren? Sie selbst scheinen es jedenfalls so zu empfinden. Zu den Klagen der Deutschen gehört nämlich vor allem auch die Klage darüber, dass sie so viel klagen.

Man müsste daher, um sie zu Hypochondern zu erklären, in die Definition der Krankheit eine paradoxe Variante aufnehmen: dass zu den eingebildeten Leiden, vor denen sich der Hypochonder fürchtet, auch die Hypochondrie selbst gehören kann. Ist ein Patient denkbar, der von Arzt zu Arzt eilt, um sich Hypochondrie bescheinigen zu lassen? Die These scheint etwas wacklig, unter anderem auch, weil das Moment der Selbstbezichtigung, das darin steckt, eher auf eine Depression deutet. Der Depressive fühlt sich ja immerfort schuldig, auch an Dingen, die ganz außerhalb seiner Reichweite liegen, und wäre deshalb sofort bereit, die Depression selbst als Zeichen seines Versagens zu deuten.

Es gibt aber ein anderes Indiz, das bei den Deutschen auf Hypochondrie deuten könnte. Es steckt in der Unzahl von Verordnungen und Gesetzen, die ständig erlassen werden, um Missständen abzuhelfen, die noch gar nicht oder doch sehr selten aufgetreten sind. Ein krasses Beispiel aus jüngster Zeit ist das Antidiskriminierungsgesetz, das zwar keine Arbeitsplätze schafft, aber für den Fall, dass doch jemand neu angestellt werden könnte, dafür sorgen möchte, dass dabei wenigstens niemand wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe oder sexuellen Orientierung benachteiligt wird. Behörden und Gesetzgeber entwickeln eine schon krankhafte Fantasie für alles, was dem Bürger zustoßen oder was er falsch machen könnte. Dahinter steckt, was auch jeden Privathypochonder auszeichnet, nämlich eine übertriebene Vorstellung von Gesundheit und Ordnung.

Der Hypochonder denkt, wenn ihm das Herz klopft, nicht, dass er aufgeregt, sondern dass er krank ist. Der deutsche Gesetzgeber denkt, wenn ein Radfahrer ohne Licht fährt, nicht an Schlampigkeit oder Zerstreutheit, sondern dass man ihm eine Lichtanlage verordnen muss, die immer und unter allen Umständen funktioniert. Deswegen sind bei uns Dynamos vorgeschrieben und Akkus, die man nachladen müsste, verboten. Es ist abzusehen, dass in Kürze die Helmpflicht folgen wird; wiederum weil der Gesetzgeber nicht glauben mag, dass Radfahrer nun einmal ungeschickt sein können, sondern dass diese Ungeschicklichkeit niemals böse Folgen haben darf.

So überzieht sich das Land mit einer Fülle kleiner und kleinster Vorsichtsmaßregeln, unter denen jede Initiative erstickt. Der Bürger wird unbeweglich wie jener tatsächliche Hypochonder, der nicht ohne ein Dutzend Pillen, linksdrehendes Mineralwasser und zwei Satz Flanellunterwäsche auf Reisen gehen kann und es deshalb lieber unterlässt. Die Parallele endet allerdings bei dem Motiv. Der Vorsorgefanatismus der deutschen Gesellschaft ist weniger auf die eigene Gesundheit gerichtet als darauf, an der ungesunden Entwicklung anderer nicht schuldig werden zu wollen. In dieser panischen Schuldvermeidungsstrategie – nämlich niemals und nirgendwo für irgendetwas haftbar gemacht werden zu können – steckt dann doch ein deutlich depressiver Grundzug, der sich, wer weiß, aus der deutschen Geschichte leicht erklären lässt.