Tel Aviv

Wenn sich die Augen der Welt demnächst auf den Abzug der israelischen Siedler aus dem Gaza-Streifen richten, dann wird dabei ein Mann die Regie führen, der diesen Flecken Land vor allem aus der Vogelperspektive kennt. Dan Halutz ist der erste Luftwaffengeneral, der zum Chef der israelischen Armee berufen wurde. Erst seit knapp zwei Monaten ist Dan Halutz im Amt. Und schon soll sich sein Erfolg daran messen, was man im Tel Aviver Militärhauptquartier als die bedeutendste nationale Mission, die es je zu erfüllen gab bezeichnet.

Halutz muss den Aufstand der Siedler bewältigen. Dafür sorgen also, dass Israelis nicht auf Israelis schießen. Um die explosive Lage bereits im Vorfeld zu entschärfen, führt Halutz ohne Unterlass Gespräche mit Rabbinern, Siedlervertretern, Polizisten und Regierungsmitgliedern. Zugleich hat er alle Hände voll mit der üblichen Routine zu tun: Die palästinensischen Extremisten müssen in Schach gehalten werden. Daran erinnerte nicht zuletzt am vergangenen Samstag die Ermordung zweier Israelis, die nach einem Familienbesuch in den Gaza-Siedlungen von Männern des Islamischen Dschihad und der Al-Aksa-Brigaden erschossen wurden.

Die Hoffnung darauf, dass der Abzug aus dem Gaza-Streifen mehr Sicherheit bringen wird, hat Halutz ins Amt katapultiert. Der Vertrag seines Vorgängers, Mosche Ya'alon, dem er ein Jahr lang als Stellvertreter zur Seite gestanden hatte, war nicht verlängert worden, weil er den so genannten Entflechtungsplan immer wieder als riskantes Unternehmen kritisiert hatte.

Letztlich würden damit die Terroristen belohnt, lautet sein Argument. Der nächste palästinensische Terrorkrieg samt Selbstmordanschlägen und Raketen auf das Zentrums Israels sei damit programmiert.

Auch Halutz, mit seinen 57 Jahren der älteste Armeechef bisher, mag Zweifel am Gaza-Rückzug haben - doch wird er sich diplomatischer verhalten. Er gilt als ein Vertrauter Ariel Scharons. Zeit, sich einzugewöhnen, bleibt Halutz allerdings nicht. Aus militärischer Sicht hat der für Mitte August geplante Abzug längst begonnen.

Einen Vorgeschmack auf das, was die Soldaten am Tag der Räumung erwartet, lieferte der jüngste Massenprotest der Abzugsgegner. An den Sicherheitsschleusen zu den abgeriegelten Siedlungen im Gaza-Streifen erprobten sie eine Art psychologische Kriegsführung. Da stellte sich ein zwölfjähriges Mädchen vor die Soldaten und redete ihnen ins Gewissen: Schämt ihr euch nicht, hier zu stehen? Was werdet ihr sagen, wenn ihr am Himmelstor steht? Verweigert den Befehl, und ihr werdet ins Paradies kommen! Müll muss weggeräumt werden, aber doch nicht Juden, nicht die Brüder. Die Soldaten waren zwar auf solche Verbalangriffe vorbereitet worden, doch fiel es so manchem sichtlich schwer, ihnen über Stunden hinweg standzuhalten. Sicherlich haben die meisten schon Schlimmeres mitgemacht. Doch diese Front ist neu. Die Soldaten stehen erstmals vor einem Gegner in Zivil, der aus den eigenen Reihen kommt. Die klassischen Kategorien passen da nicht mehr. Wir ziehen in keinen Krieg und streben keinen Sieg an, betont Halutz, stets den Tag danach im Blick. Schließlich leiste die überwältigende Mehrheit der Siedler in Gusch Katif ihren Reservedienst ab, schickt ihre Kinder in die Armee. Sie sind Teil von uns und werden es auch nach dem Abzug bleiben. Dennoch, die Beschimpfungen der Soldaten machten ihn wütend, die Würde beider Seiten müsse gewahrt bleiben.