Wollte man ein Profil der Kolonne Henneicke erstellen, die vom Frühjahr bis Herbst 1943 in den besetzten Niederlanden versteckte Juden aufspürte und auslieferte, so ergeben sich Parallelen zum deutschen Polizeibataillon 101, den Ganz normalen Männern aus Christopher Brownings bahnbrechender Untersuchung. "Männer, die gesellschaftlich versagten und im Leben immer Pech hatten – das ist der vorherrschende Eindruck, den die zivilen ›Judenfänger‹ hinterließen", so beurteilt der niederländische Journalist und Redakteur der TV-Geschichtsreihe Andere Tijden ("Andere Zeiten") Ad van Liempt die Protagonisten seines Buches Kopfgeld. Dessen Resultate beweisen einmal mehr, welch tödliche Folgen eine Mischung aus finanziellem Anreiz und dumpfem Antisemitismus haben kann. 100000 Juden aus den Niederlanden starben in den Vernichtungslagern, nach van Liempt wurde ein Großteil von ihnen verraten.

Die Existenz der Kolonne blieb unentdeckt, bis 1948 Unterlagen der Zentralstelle für Jüdische Auswanderung auftauchten und mit ihnen zahlreiche "Einlieferungsscheine" der gefangenen Juden. In Gerichtsprozessen konnte nachgewiesen werden, dass über 8000 versteckte Juden, unter ihnen viele Kinder, von der Kolonne Henneicke ausgeliefert worden waren.

Als die Wehrmacht am 10. Mai 1940 die Niederlande überfiel, traf sie auf wenig Widerstand. Die Besatzer konnten sich der bereitwilligen Hilfe aus Verwaltung und Bevölkerung versichern. Das belegen auch die Zeugnisse der Besatzer, die ins Schwärmen gerieten, wenn sie – wie etwa Adolf Eichmann – den "reibungslosen Ablauf der Transporte" feierten. Nicht nur die Deutschen profitierten von Vermögenswerten, die beschlagnahmt und über die "Plünderbank" Lippman-Rosenthal & Co abgewickelt wurden. Die Besatzung bedeutete eine goldene Zeit für jene Underdogs, die es aus eigenem Verschulden oder wegen der enormen Arbeitslosigkeit zu nichts gebracht hatten.

Neben einem guten Grundgehalt erhielten die Angestellten der Kolonne für jeden gefangenen Juden 7,50 Gulden, was vor über 60 Jahren ein Vielfaches wert war. Die Männer richteten sich mit ihren Familien in den Wohnungen und mit den Möbeln der Vertriebenen ein – ein gewichtiger Grund, sich gegen Mitleid zu wappnen. Die wichtigste Triebfeder war das Geld, aber ohne ihren Antisemitismus hätten sie die Hemmschwelle wahrscheinlich nicht übertreten. 85 Prozent von ihnen waren Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei der Niederlande (NSB). Dennoch insistiert van Liempt darauf, in eine Beurteilung dieser Männer auch Strukturen und Organisation des "Dritten Reiches" einzubeziehen, erst diese machten die Wandlung zu unerbittlichen Verfolgern möglich.

Anfang Oktober 1943 wurde die Arbeit der Kolonne eingestellt. Bis auf einige Ausnahmen gab es in den Niederlanden keine Juden mehr. Wenige Glückliche waren ins Exil gegangen, die meisten aber in den Vernichtungslagern verschwunden. Die beiden Leiter der Gruppe gingen unterschiedliche Wege: Hendrik Benjamin Briedé setzte sich 1944 nach Deutschland ab und lebte bis zu seinem Tod 1962 unentdeckt im Ruhrgebiet. Wim Henneicke schloss sich später dem Widerstand an und verriet viele seiner früheren Helfer. Im Dezember 1944 starb er bei einem Anschlag.

Van Liempt verfolgt die Geschichte der Kolonne von ihrem Entstehen über exemplarische Fälle des Verrats bis hin zu den Biografien der Protagonisten. Ausführlich setzt er sich auch mit den Tribunalen und Gerichtsverhandlungen der Nachkriegszeit auseinander. Etliche "Judenfänger" lebten unbehelligt in Deutschland, weil die Niederlande das fragile Verhältnis zu ihren deutschen Nachbarn nicht gefährden wollten. Andere wurden mit harten Strafen bis hin zum Todesurteil belegt, das jedoch selten vollstreckt wurde. Hervorzuheben ist, dass die Täter immerhin für Bestechungen durch ihre Opfer empfänglich waren, sodass einigen die Flucht gelingen konnte. Darin unterschieden sie sich fundamental von den Besatzern, welche sich niemals durch Geldangebote erweichen ließen.

Mit seiner Untersuchung ist es Ad van Liempt gelungen, nach früheren Arbeiten von Jacob Presser und Nanda van der Zee, das Selbstbild der Niederländer über ihr Verhalten während der Besatzung ein weiteres Mal zu erschüttern. Van Liempts großes Verdienst ist es, dass er beide Seiten zeigt: die gnadenlosen, von Geldgier getriebenen Verfolger und die von aller Welt verlassenen Juden, für die sich die vermeintlich sicheren Städte als Falle erwiesen. Nicht vergessen hat er jene Niederländer, die unter großer Gefahr vor allem gejagte Kinder versteckten.