Es war eine kleine Bosheit, aber ihm hat sie stets geschmeichelt: Im Tatort aus Hamburg hatte die zuständige Fernsehredaktion des NDR vor Jahren einen notorischen Trottel eingebaut und "Struve" getauft. Erst als die Hauptrollen wechselten und sich der TV-Kommissar Manfred Krug singend verabschiedte (Bye, bye blackbird), verschwand auch die Figur Struve.

Der wahre Struve ist hingegen immer noch im Amt – und zwar, wenn man so will, hinter den Kulissen. Mit vollem Namen Dr. Günter Struve, ist er ARD-Programmdirektor und damit einer der mächtigsten Manager im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er verantwortet Das Erste, also das Gemeinschaftsprogramm der neun Sender (vom Bayerischen Rundfunk bis zum Südwestrundfunk).

Doch obwohl im Amt, ist Struve nicht da. Er weilt im Urlaub. Als "Mister ARD" und im Grunde einzige zentrale Instanz dieser filigranen föderalen Einrichtung wirft er sich normalerweise bereitwillig in alle medienpolitischen Schlachten. Doch im aktuellen Skandal um Schleichwerbung in seinem ARD-Programm bleibt er in Deckung. War er Opfer? Oder Mitwisser? Vielleicht sogar Täter? Aus der Bavaria Filmproduktion, die über Jahre widerrechtlich und systematisch Werbebotschaften ins Programm geschmuggelt hat, wird kolportiert, Struve habe die Bavaria angehalten, das Programm "aufzupeppen". Auch der nicht mehr tragbare Bavaria-Aufsichtsratsvorsitzende Reinhard Grätz hat "auf jeden Fall eine Teilverantwortung" bei Struve ausgemacht. Kühl und kurz weist der Angegriffene seinerseits alle Vorwürfe zurück. Die weitere Verteidigung überlässt er den Intendanten Fritz Pleitgen (WDR), Peter Voß (SWR) und Thomas Gruber (BR). Den Stoiker Struve wird das alles nicht stören.

Dass der CDU-Medienpolitiker Bernd Neumann ungeschickt und übereilt wegen der Schleichwerbung Struves Rücktritt forderte, hat dessen Position eher gestärkt. Zu offenkundig war es nackte Parteipolitik. Da konnte nicht nur sein "Heimatverein" WDR, in dem er lange gearbeitet hat, widersprechen, sondern auch der BR-Intendant Thomas Gruber sah sich zur Ehrenrettung veranlasst: "Die Vorstellungskraft eines Politikers schafft noch keine Fakten."

Struve konnte sich in Kalifornien also Zeit lassen, zwischen Hysterie und Schönfärberei die rechte Tonlage zu finden. Allzu martialisch hatte er vor seinem Urlaub die ARD ausschließlich als betrogene Unschuld ausgegeben, von Schleichwerbung als "Gift und Galle" gesprochen und ein "Regime von Angst und Schrecken" angekündigt. Da war manch einem sein vorheriges kokettes "Schleichwerbung ist verboten. Also gibt es sie nicht" noch im Ohr. Jetzt beklagt er, dass ihm nicht einmal die internen Prüfberichte der Bavaria-Gesellschafter zugestellt würden. Aber klar ist, dass er den Boden bereitet hat, auf dem die Sumpfblüten gedeihen konnten.

Das Erste ist sein Werk, obwohl er praktisch keinen Zugriff auf die sieben Milliarden Euro Gebührengelder hat. Er muss also die Verantwortlichen in den neun ARD-Sendern von seinen Ideen überzeugen. Virtuos bewegt sich Struve zwischen den Intendanten, der zentralen Chefredaktion in München, der Filmzentrale Degeto in Frankfurt und der so wichtigen Tagesschau in Hamburg. Den Erwerb von teuren Sportrechten (Fußballweltmeisterschaft) fördert er begeistert. Nebenbei pflegt er die ARD Sales & Services, die für den Marienhof die regulären Werbespots im Vorabendprogramm einwirbt, und beruhigt die so genannte Kirchenkoordination, die Verantwortlichen für das Religiöse im Programm. 60 Tage im Jahr verbringt der Macher auf Sitzungen. Mit diebischer Freude lässt er diese Ereignisse durch die biblische Apostelgeschichte charakterisieren: "Etliche schrien so, etliche anders, und die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten nicht, warum sie zusammengekommen waren." Er selbst schreibt ins ARD-Jahrbuch: "Zu den unbestrittenen Höhepunkten im Leben eines Programmdirektors zählen die programmstrategischen Klausurtagungen." Solche Ironie mag er und fühlt sich dabei als Libero und Familienvater.

Ab und an schreibt er ein Reformpapier, das dann von allen Seiten empört abgewatscht wird. Er aber hat den Stein geworfen und schaut, wie die Wellen schlagen. Am Ende werden Kindersendungen ins Spartenfernsehen verbannt, verdrängt Sabine Christiansen die Kultur, rücken die Tagesthemen nach vorn, werden Politmagazine gestutzt, spielt Relevanz um 20.15 Uhr nur noch selten eine Rolle und sieht der Vorabend aus wie bei den Privaten auch. Das ist sein Werk: Boulevardmagazine und industriell gefertigte Serien. Verbotene Liebe und Marienhof – da schaut er morgens um neun mit Wohlwollen auf die Quote. So hat er seit 1992 begonnen – und 1998 war die ARD endlich wieder Marktführer.

Bei all dem ist Struve ein Spieler, ein Rabulist, ein Schelm. Er vermag es, wortreich und unterhaltsam düstere, künstlerische Problemfilme bis zur blanken Banalität zu demontieren. Er kann es auch andersrum: klebriger Soße geradezu shakespearesches dramatisches Format andichten. Er lächelt dann bübisch und versprüht Charme – begeistert von sich selbst.