Es gibt sicher attraktivere Jobs, als Präsident von Pakistan zu sein. Immerzu muss er sich rechtfertigen, erklären, entschuldigen. Das macht niemand gern, schon gar nicht ein Präsident. "Wir sind keine Mörder!", sagt General Pervez Musharraf sinngemäß seit Jahren. Er muss seine Landsleute in Schutz nehmen, weil die Spuren vieler todbringender Terroristen nach Pakistan führen. Zuletzt waren es die der Londoner Attentäter. Geht eine Bombe hoch, denkt man sofort an Pakistan.

Der General bügelt alle Zweifel nieder, indem er gegen die islamischen Extremisten im eigenen Land den "Dschihad" ausruft. Ein Muslim, der einem anderen Muslim den "Dschihad" erklärt, das ist eine ernste Sache – würde man denken. Der General jedenfalls will, dass man das denkt. Sein Schicksal hängt davon ab. Solange der Westen und besonders die USA ihn als eine Schlüsselfigur im Kampf gegen den Terror betrachten, kann er damit rechnen, dass sein autoritäres Regime toleriert wird. Wie ernst also ist es dem General mit seinem "Heiligen Krieg"?

Am besten kann man Antworten an einer heiß umkämpften Front des Dschihads finden, an den Schulen. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 sind besonders die religiösen Schulen Pakistans, die Medressen, ins internationale Rampenlicht geraten. Für manche Kritiker sind die Medressen Schulen puren Hasses, in denen junge Männer indoktriniert werden, damit sie sich irgendwann mit einer umgeschnallten Bombe mitten in eine westliche Touristengruppe werfen. Das ist freilich eine propagandistische Überzeichnung, gleichwohl besteht kein Zweifel daran, dass in vielen Medressen die Unterweisung in Dschihad wichtiger ist als in – sagen wir – Mathematik.

Selbst Musharraf teilt die Ansicht, dass die Medressen modernisiert werden müssten. Darum hat er im Jahr 2002 unter großem Druck aus Washington ein Programm aufgelegt, das die Medressen "säkularisieren" sollte. Sprich: Das von Mullahs kontrollierte Universum von circa 13000 Schulen mit rund 1,5 Millionen Schülern sollte unter Regierungskontrolle gestellt werden. Für diesen Plan hat Musharraf viel Applaus bekommen, voreilig, wie sich heute herausstellt. Nach einhelliger Meinung unabhängiger pakistanischer Bildungsexperten ist er gescheitert. Musharraf hat sich gegen die Mullahs nicht durchgesetzt, die sich jede Einmischung des Staates in ihre Angelegenheiten lautstark verbeten haben.

Ob er nicht wollte oder nicht konnte, das ist eine der wichtigen Fragen, um den "Partner im Kampf gegen den Terror" einzuschätzen. Sicher ist jedenfalls, dass die Macht der Religiösen in Pakistan ursprünglich in Gewehrläufen der Militärs wurzelt.

Der General und Diktator Sia al-Haq hatte Pakistan während seiner Herrschaft zwischen 1977 und 1988 einem "Islamisierungsprozess" unterworfen. Er forcierte dieses Programm nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1979. Die Zahl der Medressen vervielfachte sich. Zwischen 1979 und 1995 – der letzten offiziellen Zählung – entstanden knapp 4000 Religionsschulen. Islamisierung der Massen hieß in diesem Fall, dass man die Schüler – darunter viele Araber aus den Golfstaaten – via Indoktrinierung auf den Kampf gegen die Sowjets vorbereitete. Viele führende Taliban hatten in den radikalen Medressen studiert. Der Unterrichtsstoff für die radikalen Gotteskrieger stammte in vielen Fällen aus den USA. Zwischen 1984 und 1994 bezahlte etwa die staatliche Hilfsorganisation USAid 51 Millionen Dollar an die Universität Nebraska/Omaha. Das dort angesiedelte "Zentrum für Afghanistan-Studien" entwickelte und schrieb Textbücher, welche die militante Dschihad-Kultur verbreiten sollten. Nachdem die Sowjets aus Afghanistan abgezogen waren, machten diese in Nebraska geschriebenen Bücher weiter Karriere. "Selbst die Taliban benutzten diese in Amerika produzierten Bücher", schrieb die Washington Post, "allerdings enfernten diese Radikalen menschliche Gesichter, um ihren strikten Regeln gerecht zu werden." In den Büchern stehen geblieben ist allerdings das Wort Dschihad, und darunter Bilder von Bomben, Minen, Gewehren, Panzern, Soldaten. Geblieben ist Dschihad plus Gewalt.

So gesehen, sind die Medressen Überbleibsel des Kalten Krieges, strahlender Müll einer unseligen Zeit. Das wäre allerdings eine gefährliche Verkürzung, denn die Islamisierung Pakistans war von Anfang an als Legitimationsprogramm für die herrschenden Militärs gedacht. Sia al-Haq förderte die Mullahs, weil sie ihm eine populäre Basis verschafften. Sie füllten das demokratische Defizit des Diktators. Es war ein Bündnis zu beiderlei Nutzen.

Pervez Musharraf legt in den Augen vieler diese unheilvolle Koalition wieder auf. "Während seiner gesamten Regierungszeit konzentrierte er sich nicht auf den Kampf gegen die Extremisten", schreibt Samina Ahmed, Forscherin der renommierten International Crisis Group, "sondern auf den eigenen Machterhalt." Tatsächlich hat sich Musharraf 1999 ins Amt geputscht und das Versprechen abgegeben, die Demokratie bald wieder einzuführen. Inzwischen hat er sich eine Verfassung zurechtgeschneidert, die ihm fast die gesamte Staatsgewalt gibt. Die Religiösen haben ihn dabei unterstützt. Von Demokratisierung ist keine Rede, und die Pakistanis erkennen in Musharraf immer mehr den General Sia al-Haq. Der verlor das Amt erst, als er 1998 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.