Dicke Pötte gucken, Hafenluft schnuppern! Das ist die Lust der Hanseaten. Als es an einem Sommermorgen des vergangenen Jahres noch ganz schön dunkel war und die Flut das weltgrößte Passagierschiff elbaufwärts durch das Tor zur Welt hineindrückte, standen in der Dämmerung schon Hunderttausende auf Deichen, Pontons und Promenaden Spalier. Von der 45 Meter breiten Kommandobrücke spähte Ronald Warwick, Kapitän der "Queen Mary 2", durch ein Fernglas und traute seinen blauen Augen kaum. Nach mehr als 40 Jahren christlicher Seefahrt erlebte der britische Kommodore den bisher überwältigendsten Empfang. Zum Dank ließ Warwick unermüdlich die Schiffssirene erschallen.

Seine Reederei, die Cunard Line, profitierte von der unverhofften Medienpräsenz und der kostenlosen Publicity. Sie drängte – ebenso wie die Touristiker der Hansestadt – auf Wiederholung der Sensation. So wurde der 1. August 2005 werbewirksam zum QM2- Day erklärt. Dann nämlich teilt der schwimmende Wolkenkratzer von 72 Meter Höhe und 345 Meter Länge wieder die Elbe, um anschließend zum ersten Mal in seiner 20-monatigen Laufzeit von Hamburg aus den Atlantik zu überqueren. Zum Abschied wird das längste Feuerwerk der Geschichte steigen. Ein leises "Ach!" schickt dann mancher Zuschauer seinem Traumschiff nach: Ach, könnte man nur ein einziges Mal an der Reling über dem Menschengewimmel stehen. Ach, könnte man Ronald Warwick nur einmal mit einem "Käpten, mein Käpten!" freundlich grüßen oder nach einer weißen Nacht die zertanzten Schuhe über Bord werfen.

Dreimaliges Nebelhorntuten läutet das Hochseegefühl ein

Man kann. Für mindestens 1.560 Euro und höchstens 26.650 Euro pro Person lässt sich die Sehnsucht nach dem luxuriösen Ausnahmezustand auf einer Transatlantikpassage stillen. Wenn die See sich im Frühjahr beruhigt, nimmt die Königin der Meere nach ihren winterlichen Karibikkreuzfahrten die Strecke Southampton–New York wieder unter den Kiel. An einem Tag im April legt der breiteste, höchste, längste und mit 870 Millionen Euro Baukosten teuerste Liner aller Zeiten unmerklich ab, gleitet beinahe lautlos aus dem Hafenbecken in Southampton. Wer Tücherwinken, Tusch und Freude schöner Götterfunken erwartet hat, wird enttäuscht. Southampton ist nicht Hamburg, sondern der Heimathafen der wuchtigen Lady, deren Anblick dort längst zum Alltag gehört. Keine Schaulustigen stürmen den Kai. Erst als das Nebelhorn dreimal tutet, kommt eine Ahnung auf von feierlichem Ozeangefühl. Der Glitzerteppich des Meeres reicht bis zum Horizont – großzügig ausgerollt für die Diva. Und so fährt die QM2 dahin. Noch 3200 Seemeilen bis New York.

Im Bauch des Schiffes und auf den 15 Stockwerken über dem Meeresspiegel wird unterdessen die Wohlfühlmaschine angeworfen. 1.253 Mannschaftsmitglieder sind bei ausgebuchter Passage für den Dienst an 2.620 Kunden zuständig. Schnell trennen sich die Wege der Reisenden mit Oceanliner-Erfahrung und Kennermiene von denen der Anfänger, die tapsig und staunend wie Welpen durch die marmorgeflieste Lobby mit dem vergoldeten Wandrelief geistern. Scheu folgen sie den philippinischen Stewards mit dem eingravierten Lächeln, die ihnen den Weg zur Kabine weisen. Der flauschige Teppichboden in den Gängevierteln der Korridore schluckt ihre Schritte.

Und während diese Frischlinge auf großer Fahrt, die zumeist im besten Rentenalter sind, hinter Hochglanztüren aus hellem Wurzelholz nach etwas Geborgenheit im Reich der Kingsize-Betten heischen, füttern die Hartgesottenen im Casino schon die einarmigen Banditen. In der Champagnerbar haben sich die ersten Stammkunden eingefunden: zwei amerikanische Gentlemen mit Silberbart und blitzenden Brillanten am kleinen Finger, die bereits zum dritten Mal die Queen beehren und wieder eine der 209 Quadratmeter großen Grand-Duplex-Suiten belegen. Butler inklusive – was sonst! Das Leben muss perlen wie der Schampus, den der Kellner mit Glacéhandschuhen serviert. Die Harfenistin vor der Spiegelwand zupft die Melodie dazu.

Punkt 18 Uhr, erste Sitzung im Britannia-Speisesaal. Die Hälfte jener Kabinenbewohner, die weder in Suiten noch Penthäusern residieren und deshalb auch nicht die First-Class-Restaurants Queens Grill und Princess Grill aufsuchen dürfen, schreitet durch die gläsernen Flügeltüren zum Dinner. Ungefähr 800 Passagiere schweben galant über die Freitreppe ein. Der Kreuzfahrtdirektor, der für die Unterhaltung geradesteht, bleckt die Zähne und grüßt ununterbrochen dreisprachig: "Welcome, willkommen, bienvenue!" Das Personal führt zum Tisch, legt den Damen Servietten in den Schoß. In zwei Stunden wird das Ritual noch einmal durchgespielt, wenn die Kellner mit demütiger Gebärde die Menüs der zweiten Sitzung kredenzen. Entenbrust mit Tamarindglasur, Symphonie aus Meeresfrüchten mit Jakobsmuscheln und zum Dessert Brandteigschwäne im Mascarponebett.

Die Kunst besteht darin, jedem Gast die Illusion zu vermitteln, er sei ein kleiner König und nicht die winzige Teilmenge eines gemeinsamen Vielfachen. Nur der Passagier aus Luzern, einer von sechs Tischgenossen auf der Empore im zweiten Stock des Restaurants, lässt sich nicht blenden. "Machen wir uns nichts vor. Fast 10.000 Kilo Fleisch werden pro Überfahrt eingekauft und eingefroren. Frisch von der Alm kommt hier nichts", sagt der helvetische Lukull, doch schindet wenig Eindruck in der siebenköpfigen Tafelrunde. Die stellt viel dringlicher die Frage nach dem Who’s who .