Nur eine Forschergeneration ist es her, seit die deutsche Geschichtswissenschaft in den siebziger Jahren vom hohen Ross der politischen und nationalen Historiografie herabgestiegen ist. Allen voran Hans-Ulrich Wehler. Die feinen Adressen des Umbruchs hießen Bielefeld und Göttingen. Aber lange Zeit zögerte "die Zunft", sich den Perspektiven der Sozial- und Kulturwissenschaften zu öffnen. Wobei Wehler mit den Jahren immer mehr in die Rolle des Mahners schlüpfte und den Standpunkt vertrat, eine kritische und interdisziplinäre Geschichtswissenschaft habe den "Gartenlauben" der Kulturwissenschaften gegenüber Distanz zu wahren.

Sein Hinweis hat sich nicht erledigt. Jetzt fährt die lange erwartete nächste Generation die Ernte ein. Es nimmt nicht Wunder, dass die Herausgeber und viele der gut zwei Dutzend Autoren dieses Buches über die Entwicklung der Städte in Göttingen oder Bielefeld wirken. Sie entstammen der mit Abstand produktivsten, aber von HRG und Sparmaßnahmen am ärgsten gebeutelten Schicht des Wissenschaftsbetriebs: dem so genannten Mittelbau. Auf fast 400 klein bedruckten Seiten fixieren sie die Wege der Forschung und den aktuellen Stand der Dinge.

Thema sind die Entstehung der Metropolen in der Zeit zwischen 1870 und 1930 und der von ihnen ausgehende Urbanisierungsdruck auf Natur und Umland. 36 Aufsätze, Miniaturen genannt, schreiten die Topografie und Knotenpunkte der modernen Großstadt ab und arbeiten heraus, wie sich ihr Körper ausgebildet hat. Die Stationen der Anamnese reichen vom Bahnhof über Laboratorium, Zeitungsredaktion, Grandhotel, Hochhaus, Kino und Bunker bis hin zum Kleingarten und Sigmund Freuds legendärer Couch.

Apropos Freud: Das eigentliche, innere Thema des Buches heißt: déjà vu. Die europäische Metropole ist schon von der Anlage her ein Wiedergänger. Besonders in Deutschland fand der große Take-off erst um 1900 statt. Allenthalben wird die Vorbildrolle der USA für Europa augenfällig. Die zentralen Errungenschaften und Phobien der Epoche wie die Optimierung des werktätigen Menschen in der Arbeitsphysiologie, die Revolutionierung der Hochhaus-Architektur durch die Stahlskelettbauweise oder Errungenschaften der Kulturindustrie wie den Jazz und die Erfindung der Nackttänze verdankt Europa der Neuen Welt. Seither sei die Geografie der Großstadt substanziell unangetastet geblieben. Sie reproduziere, wie die Autoren nahe legen, sich und ihre Muster beharrlich weiter.

Für den vorliegenden Sammelband spielt vor allem Michel Foucault den Part des geodätischen Übervaters. Das ist einerseits ein Vorzug und verleiht ihm Geschlossenheit. Andererseits hat die Berufung auf den Poststrukturalismus etwas Hermetisches an sich. Aus seiner Sicht erscheint die mit dem Medium der Stadt entwickelte Moderne als ein einziges Panoptikum. Sein Urbild ist die totale Überwachung, Normierung und Kontrolle des Individuums in den Gefängnisanlagen des 19. Jahrhunderts. In den Geisteswissenschaften wurde dieses Bild spätestens seit den neunziger Jahren regelrecht festgeschrieben.

Dass dies nicht ausreicht, war den Herausgebern wohl bewusst. Aber erst in der letzten Sektion des Bandes (Orte der Befreiung) kommen die Brechungen, Gegenläufigkeiten und kritischen Möglichkeiten zur Sprache, die die Entwicklung eben auch zeigt. Thomas Mergel von der Ruhr-Universität Bochum etwa widmet einen lesenswerten Beitrag der Wahlkabine, einem der Hauptorte der repräsentativen Demokratie. Sie ist wie aller Fortschritt ambivalent und wurde nach ihrer Einführung 1903 von den Konservativen als "Wahlklosett" verunglimpft. Mergel kann zeigen, dass die geheime und anonyme Wahl zwar zur Emanzipation des Proletariats und seiner Parteien beitrug. Um den Preis allerdings, dass – trotz Klassen- und Männerwahlrechts – das plebiszitäre und konsensuelle Element früherer öffentlicher Wahlverfahren verloren ging. Die Wahlversammlung bildete bis dahin die Gesellschaft ab. Heutige Wählerentscheide, bei denen nur noch ein Teil der Wahlberechtigten zur Urne geht, tun dies nicht mehr.

Bernd Hüppauf, Literaturwissenschaftler an der New York University und Jahrgang 1942, fällt nicht nur hinsichlich seines Alters aus dem Profil. Hüppauf liefert den bemerkenswertesten Beitrag, eine Eloge auf die Kleinstadt. Als "Provinz" abgetan, hat sie unter dem raumgreifenden Gehabe der Metropole am meisten gelitten und versucht, dem Programm der Globalisierung viel kommunalen und chiliastischen Eigensinn entgegenzusetzen. "Heimat" sieht Hüppauf als wahren Ort des Wissens um die conditio humana. Sie ist ein Fels im Meer der Ortlosigkeit. Wo könnte das moderne Ich, fragt er mit Robert Musil, schonungsloser in die eigenen Abgründe sehen als dort? Der Erfolg ist fast garantiert. Denn anders als in der Großstadt gibt es kaum Medien, die einen vom tiefen Blick in die schwarzen Löcher der Seele groß ablenken.