Für den Fall, dass seine Biennalen, Ausstellungen, Opern und dergleichen Ereignisse todsterbenslangweilig oder gerade abgefeiert sein sollten, hat Venedig immer noch sich selbst – und das ist allemal mehr, als man in ein paar Tagen zu Besuch wahrzunehmen vermag. Das erfährt man nun auch wieder in einem Buch, das von der Kunst handelt, eine Stadt im Wasser zu bauen. Geschrieben hat es der Münchner Architekturhistoriker Norbert Huse, ein großer Kenner jedenfalls, aber eben auch ein Professor, der es gewohnt ist, seinem Publikum rege Mitarbeit abzuverlangen, im ersten Viertel seines Buches sogar Kenntnisse, die es sich notfalls anderswo pflücken soll.

Dabei ist sein Ausgangspunkt verlockend: ein faszinierender, damals schon Aufsehen erregender Holzschnitt aus dem Jahre 1500, dessen Besonderheit nicht nur seine ungewöhnliche Größe ist, sondern der dreidimensionale Blick aus der Vogelperspektive. Dieses Bild, schreibt Huse, gebe auf einen Blick "die körperhafte Geschlossenheit" der Stadt zu erkennen, die schon die mittelalterlichen Planer im Sinne gehabt hätten, wortwörtlich: einen Stadtkörper, dessen Teile, von vielen Kanälen wie von Adern durchflossen, zusammenwirken, und alles dies, obwohl es nie einen Generalplan gegeben habe, nur Verbote und ein niemals formuliertes Übereinkommen unter den Architekten. Und so hält sich der Autor erst einmal an diesen Holzschnitt und seine Botschaften. Jedoch: warum führt er ihn seinen Lesern nur in ein paar Ausschnitten vor Augen, niemals im Ganzen? Wie soll man sich ein Bild machen können, wie sich zurechtfinden? Und warum zeigt nicht einmal der hinten abgedruckte Stadtplan Venedigs von heute die ganze Stadt, geschweige das Lagunenarchipel? Warum sind darin die Stadtteile, die meisten Kanäle, viele Plätze, die Paläste, obwohl im Text ausgiebig erwähnt, nicht gekennzeichnet? Vieles also unauffindbar? So lassen sich ganze Passagen schwerlich lokalisieren. Und leider gefällt sich der Autor in italienischen Bezeichnungen, die er zu übersetzen unterlässt – und den unkundigen, aber wissbegierigen Leser nervös machen.

Sehr schade, denn dieser Grundkurs in venezianischer Baugeschichte sollte das Fundament bilden, auf dem alles andere erörtert wird. Gottlob kommt man dann doch zurecht; denn beim Autor lässt sich die zunehmende Lust erkennen, seinen Lesern die Baugeschichte nicht zu dozieren, sondern zu erzählen. Es ist spannend, von den Gefahren zu lesen, die etwas das Geröll der Flüsse und die ökonomischen Interessen der Bürger für die Lagune darstellen, vom unaufhörlichen Diskurs über die Entwicklung der Stadt, ihren Schutz, von den Appellen an die Verantwortung dem Vaterlande gegenüber. War mit dem Wald, dessen Holz in so abenteuerlichen Mengen für Uferbefestigung, Fundamente, Kirchen, Paläste, Schiffe verbraucht wurde, nicht auch der Schutz vor dem Wasser der Berge abgeholzt?

Der Autor fährt mit den Plätzen fort, die niemals bloß freie Flächen darstellten, sondern unverwechselbare Räume bildeten, deren Reiz nicht zuletzt ihre Unvorhersehbarkeit sei. Hier wird das Buch zur spannenden Stadtbaulehre, die auch die Gegenwart einbezieht und eine Menge interessanter Hinweise auf die Kunst der Paläste ausbreitet, den verkannten Reiz des (historischen) sozialen Wohnungsbaus, die Bauten des Staates, darunter der heute noch verblüffende Komplex des Arsenals mit seinen mächtigen Hallen und, natürlich, der Markusplatz: Nein, keine Solitäre fassen ihn, sondern ein sich aufeinander beziehender Gebäudeverbund.

Der Schwung Huses hält an, wenn er von den Malern und den Dichtern spricht, von der neueren Geschichte, der Industrialisierung, dem Fin de Siècle, dem Faschismus – und dem Schock der Moderne, der es bis auf wenige, geglückte Ausnahmen nie gelang, in Venedig Fuß zu fassen. Le Corbusier, Louis Kahn und Frank Lloyd Wright hatten keine Chance.

Das Buch endet mit kritischer Nachdenklichkeit, hoffend auf kluge Planer, die allen Einzelinteressen zu trotzen verstehen, denn "Venedig ist auch als alte Stadt noch anders als alle anderen Städte": selbstbewusst, problembeladen, hinfällig, aber noch lange "nicht des Todes". Also doch weder "entkräftet und von jahrhundertelanger Wollust geschwächt" noch eine "faulige Stadt", von der 1910 der furiose Futurist Marinetti geschrieben hatte.