Die Deutschen haben Rot-Grün immer bestens verstanden. Als Kohl noch Kanzler war, galten als Regierungssprachen vor allem: Rheinisch, Schwäbisch, Bayerisch und natürlich Pfälzisch. Es wurde genuschelt, Endungen wurden verschluckt, der Dialekt der Kohl-Regierung galt als Ausdruck ihrer Provinzialität. Rot-Grün dagegen spricht, angeführt vom Niedersachsen Gerhard Schröder, hauptsächlich Hochdeutsch. Wenn bald wieder die CDU regieren sollte, kehren die Dialekte an die Macht zurück, wenn auch in abgemilderter Form: Peter Müller kann sein Saarländisch kaum verbergen, auch die Bayern (Stoiber, Söder, Beckstein) verstecken ihr Bayerisch nur bedingt. Und Angela Merkels Sätze hören sich nur für Süddeutsche wirklich hochdeutsch an, sie selbst bescheinigt sich einen Berliner Dialekt. Heute gilt der Dialekt auch außerhalb der Politik nicht mehr als tölpelhaft, sondern als Ausdruck der eigenen Identität – wenn sich sonst schon alles globalisiert. In dieser Woche wurde das Selbstbewusstsein der Dialektbeherrscher noch bestärkt. Sie seien im Durchschnitt intelligenter, meldete die Süddeutsche – weil sie zweisprachig aufgewachsen sind: Dialekt zu Hause, richtiges Deutsch in der Schule und im Fernsehen. Diese Nachricht wurde ergänzt durch eine weitere, auf den ersten Blick nicht ganz so gute: Zweisprachig aufgewachsene Menschen haben eine gespaltene Persönlichkeit. Wer also mit der Großmutter in Schwäbisch-Gmünd anders redet als mit Kollegen im Büro, denkt dort auch anders. Wenn das stimmt, hat es was Praktisches: Sollten die nächsten Regierenden im heimatlichen Wahlkampf ihre Dialekte pflegen und nach der Wahl in Berlin das sprechen, was sie für Hochdeutsch halten – niemand wird ihnen Betrug am Wähler vorwerfen können.

Matthias Stolz