Berlin. Es war gewiss die wirkungsvollste Fünfminutenrede in der Geschichte des Bundestages. Als Werner Schulz am 1. Juli mit dem Kanzler und seinem manipulativen Misstrauensvotum abrechnete, folgte sofort die Polarisierung. Plötzlich gab es ein Schulz-Lager und Beifall von allen Freunden des politischen Klartextes. Teile der grünen Parteibasis feierten ihn, manche auch klammheimlich, als er – für viele unerwartet – zwei Wochen später auf dem Parteitag auftauchte. Denn er hatte im Alleingang das peinliche Schweigen der Fraktion über Schröders Neuwahl-Manöver aufgekündigt und den grünen Widerspruch zur Sprache gebracht. Und "draußen im Lande", insbesondere in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow, beglückwünschten ihn Unbekannte mit Blumensträußen. Werner Schulz spricht, nachdem der Bundeskanzler die Vertrauensfrage stellte BILD

Freilich, gute Freunde, auch in der Fraktion, hat er verloren. Das allzu Persönliche, allzu Fixierte, der durchgehende Tenor einer bloß partei-internen Abrechnung am Scheideweg der Nation stieß ab. "Das geht gegen mich", soll Joschka Fischer, Schulz zufolge, dem entgeisterten Kanzler zugeflüstert haben. Und natürlich ist der Satz "Die Rückkehr der Geschichte sollten wir nicht als Stück Volkskammer veranstalten" (in Anspielung auf Fischers jüngsten Buchtitel) eine Provokation des Außenministers. Bedauernd betrachten ihn nun viele als "Fischer-Geschädigten". Tatsächlich hat Werner Schulz Kanzler und Außenminister in einer bisher beispiellosen Weise angegriffen – weit jenseits üblicher parlamentarischer Schmähungen. Er sprach ihnen die politische Moral ab und bescheinigte ihnen den "würdelosen Abgang" aus der Regierungsverantwortung. Einsam applaudierte Antje Vollmer, während die grüne Fraktion sich in ihrer erregten Intoleranz blamierte. Schulz habe "verbrannte Erde" (Rezzo Schlauch) hinterlassen und sich aus der Partei verabschiedet (Jürgen Trittin), hieß es. Billige Rache wurde ihm unterstellt, weil er keinen aussichtsreichen Listenplatz für die kommende Wahl errang. Aber wer so spricht, verkennt, dass Schulzes Rede vor dem Parlament und seine Klage gegen die Auflösung des Bundestags ohne gerechten Zorn gar nicht denkbar sind.

Dennoch dominiert die persönliche Geschichte. Symptomatisch ist Schulz’ Eingeständnis, er habe "aus der wunden Seele heraus" gesprochen. Das hat etwas mit der Rolle, mit der Fähigkeit, aber auch der Befangenheit des Bürgerrechtlers aus der DDR zu tun. Zum Beispiel der DDR-Vergleich. Schulz wird einerseits von seinen politischen Erfahrungen in der DDR geleitet, andererseits genießt er die Freiheit der politischen Rede, die diesen Vergleich erlaubt. Der Westdeutsche hört da nur die Gleichsetzung heraus, ist empört und verweigert sich dem Argument. Natürlich weiß Schulz, dass er mit dem DDR-Vergleich überzieht. So verglich er Schröders 250-Seiten-Dossier zur Misstrauensfrage, das der Bundespräsident anforderte, mit einem Stasi-Dossier. Das bringt Resonanz, nicht zuletzt in Pankow, wo er jetzt um ein Direktmandat kämpft.

Auch seine politische Rolle unterlag einem deutsch-deutschen Missverständnis. Nach dem grünen Strömungskalkül wurde er als Realo eingeordnet, nur weil der ehemalige Bürgerrechtler ein antiideologischer Realist war. Er stellte zwar manche heilige Kuh der Grünen infrage und kämpfte für die Öffnung zu Schwarz-Grün. Aber genauso gut war er ein Fundi der offenen Debatte, der die "von oben durchgestellten" rot-grünen Koalitionskompromisse immer erst einmal ausdiskutieren wollte. Seine prägenden Erfahrungen stammen aus der DDR-Geschichte. Ihn quält noch immer, dass er 1968 das Einverständnis zum Einmarsch in Prag unterschrieb, um weiterstudieren zu können. Nie mehr wollte er sich selbst verraten. Damit erklärt er auch seinen Angriff auf Schröder.

Im Jahr 1980 widersprach er dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan und verlor die Universitätsstelle. Es folgten Umweltpolitik unter erschwerten Umständen, Pankower Friedenskreis (1982), Gründung des Neuen Forums 1989, Mitarbeit am Zentralen Runden Tisch. Als die Grünen 1990 die Wahl verloren, zog er in den Bundestag ein. Seine Rednerbegabung machte ihn zum parlamentarischen Geschäftsführer. Beim Wiedereinzug der Grünen 1994 überließ er Fischer den Fraktionsvorsitz und erwartete dafür Dank.

Die Koalitionsverhandlungen 1998 führten zu einem persönlichen Trauma. Als noch amtierender Geschäftsführer organisierte er die emsige Zuarbeit der Grünen für die Koalitionsgespräche, musste aber dann in Fischers Unterlagen ein Papier mit dem Titel Korb 2 entdecken: Der Koalitionsvertrag war längst schon mit Schröder ausgehandelt. Viel zu spät begriff Schulz, dass er in Fischers Personalkonzept keinen Platz hatte. Der Außenminister brauchte als Fraktionschef keinen unkalkulierbaren Selbstdenker.

Er verrannte sich von diesem Zeitpunkt an in seiner Ohnmachtserfahrung. Anders ist es nicht zu erklären, dass er zur großen Enttäuschung seiner Fraktionskollegen als wirtschaftspolitischer Sprecher praktisch nicht existierte. Er wirkte wie ein Fremdling in der Fraktion, von Melancholie umhaucht. Erst als Hartz-IV-Kritiker tauchte er wieder auf. Auch hier agierte er als Deplatzierter. Er ignorierte, dass es damals allein um die Kanzlermehrheit für den Reformdurchbruch ging. So sind seine Rede und sein Gang zum Verfassungsgericht auch eine verspätete und eigenbrötlerische Rebellion gegen Schröder und Fischer, die er nur noch als Padroni der Machterhaltung sieht.

Wie ein Sektierer hält er nun in der Auseinandersetzung um die Auflösung des Parlaments am Buchstaben der Verfassung fest. So schwankt Schulz zwischen Mannesmut und Querulanz — also das absolute Gegenteil des politischen Profis. Der könnte seine Rede und den Gang zum Verfassungsgericht nur als politischen Abschied sehen. Schulz hingegen will zeigen, "dass ihr mich nicht so schnell losbekommt".