Auf dem offenen Flügel in der Münchner Wohnung stehen noch lange Zeit die letzten Seiten eines Orchesterwerks nach Giraudoux, an dem Karl Amadeus Hartmann arbeitet, als er 1963 im Alter von 58 Jahren stirbt. Daneben liegen die Schreibgeräte, säuberlich aneinandergereiht, die Schale (...) mit den trockenen Rosenblättern, schreibt der Freund Hans Werner Henze in seinen autobiographischen Mitteilungen Reiselieder mit böhmischen Quinten. Es sei, fährt er fort, als könne der Karl jede Minute wieder ins Zimmer treten, um mit seiner lauten, lustigen Stimme nach den Kindern oder seiner Frau zu rufen.

Solchen Überschwang assoziiert nicht jeder mit Karl Amadeus Hartmann, dessen erste 1935 entstandene Sinfonie sich auf Walt Whitmans Leaves of Grass bezieht: Ich sitze und schaue aus auf alle Plagen der Welt und auf alle Bedrängnis und Schmach ... Hartmann, der als Sohn eines Münchner Malers links und frei erzogen wurde, der von Hause aus Posaunist war und ein ernsthafter Komponist erst wurde, nachdem er bei Hermann Scherchen studiert hatte - dieser Hartmann ist eben auch ein Kästnersches Wesen: ein Baum, in Deutschland gewachsen, der aus Deutschland nicht fort kann. Als entarteter Komponist muss er sämtliche Seelenarbeit für die Schublade verrichten. In revidierter Form gehen Entwürfe dieser Zeit später in das ziemlich einzigartige, weil weder Zwölftonschule noch serieller Musik verpflichtete Nachkriegswerk ein.

Aus der Sinfonia tragica und dem Klagegesang zum Beispiel entsteht später die dritte (von acht) Sinfonien. Das Solo des Kontrabasses mündet in ein Streichquintett und schließlich in den Streichersatz, von nun an wird eine Fuge nach allen Regeln der Kunst durchgespielt, das Polyfone löst sich in Homofonie auf - eine Form, die Hartmann innerhalb der Szene der fünfziger Jahren als Ausnahme erscheinen lässt. Dabei spricht seine Musik eine passionierte Sprache, die sich sehr unterschiedlichen Charakteren mitteilt: Neben Henze, der ihm formal am engsten verwandt ist, gehört auch Luigi Nono zu seinen Bewunderern, obwohl Hartmann nicht nur ein Leidender ist, sondern auch ein zum Teil bitterböse Lachender. Im Scherzo der Zweiten Klaviersonate etwa werden die Internationale und anderes linkes Liedgut ramponiert.

Hartmann hat zu viel Schatten gesehen, als dass er noch ohne weiteres der Sonne und der Freiheit zu huldigen vermag.

Pragmatisch setzt er sich in den Fünzigern und Sechzigern als Leiter der Münchner musica-viva-Konzerte für zeitgenössische Musik ein, die nicht nach seinem Geschmack sein muss. Er versteht sich als Ermöglicher. Später sorgt vor allem der Dirigent Ingo Metzmacher dafür, dass Hartmanns spezifischer Ton heute einen recht hohen Bekanntheitsgrad hat. Sogar die Antikriegsoper Simplicius Simplicissimus, basierend auf Grimmelshausens Roman, erlebt eine Auferstehung. Die fulminante Aufführung der Staatsoper Stuttgart eröffnet nun die Münchner Opernfestspiele. Eine importierte Geste, aber immerhin: Pünktlich zum 100. Geburtstag am 2. August ist Hartmann zurück im Münchner Zimmer.

Karl Amadeus Hartmann: Sinfonien Nr. 1-8

(EMI 5569112 3)