Das gestohlene Leben

Ein Liebespaar. Sie rennt zur Tür, die ist verschlossen, sie kehrt zurück, er knirscht mit den Zähnen, bringt die Worte nicht heraus, auf die sie wartet. Ein Liebespaar? Im Don-Bosco-Gefängnis in Pisa ist Besuchstag. Zwei können zueinander nicht kommen, und wenn sie sich dann an vier (bei guter Führung: sechs) Stunden im Monat sehen, erfinden sie immer neu einen lachhaften Streit und mit ihm einen lachhaften Grund, sich wieder zu trennen – kleine, selbst verursachte Wunden, um die große Wunde weniger zu spüren: die der verordneten Trennung der Welt in "drinnen" und "draußen".

Der uns dies erzählt, ist Adriano Sofri – Botschafter aus dem Keller der Gesellschaft, den er selbst seit achteinhalb Jahren bewohnt. 1988 war Sofri, einst Gründer und charismatischer Kopf der marxistisch-revolutionären Bewegung Lotta Continua, aus heiterem Himmel des Mordes angeklagt worden. Ein früheres Lotta-Mitglied bezichtigte Sofri sowie zwei Mitstreiter, Bompressi und Pietrostefani, 1972 den Polizeikommissar Calabresi getötet zu haben – eine Anklage, deren Widersprüche und Unstimmigkeiten seither immer wieder analysiert wurden, am prominentesten von dem Historiker Carlo Ginzburg. Ohne Erfolg: Seit 1997 sitzt Sofri im Gefängnis, verurteilt zu 22 Jahren Haft, und seit 2000 ohne Möglichkeit der Wiederaufnahme seines Falls.

Seither schreibt Sofri. Wie ein Besessener und über fast alles: die Todesstrafe in einem jungen Amerika, das nicht erwachsen werden will, und über ein altes Europa, das sich im Jugendlichkeitswahn befindet. Über taubstumme Kinder, die im Bombenhagel von Sarajevo Fußball spielen. Über Deutschland, das sich der Türkei gegenüber verhält wie ein Gastgeber, der zum Essen einlädt, aber statt im Esszimmer in der Küche den Tisch deckt. Er erzählt vom Fußballspielen im Gefängnis, wo der verzweifelte Liebende aus dem Besuchsraum seine Ohnmacht nun für 20 Minuten in Kraft übersetzen kann und dadurch ein anderer wird: ein Ronaldo vielleicht, auf den Millionen schauen. Zehn, fünfzehn verschiedene Identitäten legen sich die jungen Männer im Gefängnis zu, erzählt Sofri, alias … alias … alias, als könnte der Raum, den sie zwischen sich und die eigene unerträgliche Existenz legen, nicht groß genug sein. "Inwiefern ihnen das hilft? Wozu das gut ist? Ich weiß es nicht. Ich bin sehr pessimistisch. Überleben, es hilft ihnen überleben. Die Existenz der Gefangenen, vor allem der jungen, ist fürchterlich. Man stiehlt ihnen die Möglichkeit, irgendetwas zu tun, was Bedeutung hat. Die Jungen, die hier ankommen, schneiden sich die Haut mit Rasierklingen auf, verstümmeln sich mit einer Leichtigkeit, die signalisiert: sie wollen Aufmerksamkeit erhaschen, aus ihrem würdelosen Dasein ausbrechen."

Für Adriano Sofri, 63, hat sich der Alltag geändert: Seit Ende Juni darf er an fünf Werktagen tagsüber arbeiten gehen. Dass dies eine echte Veränderung seines Lebens sei, weist Sofri jedoch scharf zurück. Unter Leben wolle man doch noch ein bisschen mehr verstehen als eine zeitlich begrenzte Bewegungsfreiheit des Körpers – auch wenn er über diese froh sei. Daran, dass er bis ins Jahr 2016 ein Gefangener bleibe, habe sich nichts geändert. Bisher hat Sofri in seinen unentwegt verfassten Kolumnen und Reportagen – regelmäßig in der Tageszeitung La Repubblica, allwöchentlich auf der letzten Seite der Zeitschrift Panorama und täglich in der Tageszeitung Foglio – die Geschichten aus dem Halbdunkel ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, und er weiß schon, was ihm mit der Hafterleichterung verloren gehen wird: der enge Kontakt zu den Lebensgeschichten hinter Gittern.

Beschreiben wird er den Ort des gestohlenen Lebens weiterhin: Keiner, der ihn nicht bewohnt hat, soll glauben, er kenne ihn. Diesen Ort, an dem unentwegt Schritte hallen, Schlüssel rasseln und Eisentüren knallen. Was macht da ein Mensch mit empfindlichen Ohren? "Das hier ist gar nichts", sagt Sofri, als wir auf den Plastikstühlen im kargen Gesprächsraum Platz nehmen, zwischen uns ein Tisch und um uns herum Wände, die jedes Wort mit lautem Nachhall zurückwerfen. Hier ist Zwischenzone, halb öffentlicher Raum. Ins wirkliche Gefängnis kommt niemand mit. Diesen Ort muss man sich aufmalen lassen: Eine Zelle, zwei mal drei Meter. Die Länge wird bemessen durch einen sich auf der Pritsche ausstreckenden, in den Fernseher starrenden Mann. Für die Breite stelle man sich vor, der liegende Mann strecke seinen rechten Arm aus und könne nun mit diesem sein Klo putzen (dies immerhin wird durch eine dünne Wand verhindert); auf dem Klo sitzend wiederum, kann er sich auf dem Campingkocher einen Kaffee zubereiten.

"Ich bin heiter, oder mindestens tue ich, als ob ich heiter wäre, aber dem hier kann kein Sinn abgewonnen werden, es ist weggeworfenes Leben, weggeworfene Zeit. Man wird verrückt im Gefängnis. Aber würdest du anfangen, dich hier einzurichten, dich gleichsam heimisch zu fühlen, erst dann wärest du wirklich verrückt. Ich achte sehr darauf, mir meinen Ekel vor dem Ort, an dem ich bin, zu erhalten. Auch das, klar, ist eine Form von Verrücktheit."

Sofri ist nicht nur gefangen hinter Mauern, sondern seit 17 Jahren auch in einer Fallgeschichte. Er sei "die Geisel eines ideologischen Bürgerkriegs, der in Italien seit Jahrzehnten stattfindet", kommentiert der grüne Parlamentarier Marco Boato die politische Rolle, die Sofri aufgezwungen wurde. Mit seiner eigenwilligen Weise, diesen Zwang zu beantworten: der paradoxen Methode nachgiebigen Widerstandes nämlich, hat sich Sofri den Hass der Rechten und beim Rest der Welt moralische Autorität erworben. Sofri ging 1997 freiwillig ins Gefängnis. Während der neun Jahre dauernden Prozesse war er als Reporter und Helfer in Bosnien unterwegs gewesen, also im Besitz seines Passes, und hätte fliehen können. Stattdessen nahm er die Haft an, lehnte jede Hafterleichterung ebenso ab wie die Möglichkeit, um Gnade zu bitten.

Das gestohlene Leben

Seit Ende Juni nun verlässt Sofri morgens vor acht seine Zelle. Mit der Halbgefangenschaft macht er von einer Möglichkeit Gebrauch, die ihm nach Verbüßung eines Drittels seiner Strafe zusteht. Den Weg zur Arbeit geht er wahrscheinlich wie im Schlaf. An der Scuola Normale di Pisa, einer Art Elite-Kolleg der Pisaner Universität, gelegen an der prächtigen Piazza Cavallieri, studierte und lebte Sofri einst; eine Wegbiegung entfernt von der Piazza dei Miracoli, dem Platz der Wunder – dort, wo die Touristenströme in den zierlich-eleganten Komplex von Dom und schiefem Turm münden. "Es gibt Umstände, in denen du dich einer Gewalt beugen musst. Körperlich bin ich nicht mehr frei. Aber erst wenn ich einwilligen würde in eine intellektuelle Freiheitsberaubung, wäre ich wirklich unfrei. Um Gnade zu bitten impliziert, etwas getan zu haben, was auf Vergebung angewiesen ist. Ich schulde aber niemandem etwas. Ich bin frei. Ich habe gelebt, ein gutes Leben gehabt. Eigentlich bin ich zufrieden."

Gnade an sich sei das Beste, was es gibt, sagt Sofri, und auf Italienisch sowieso. "Wir drücken unseren Dank mit dem Wort Grazie aus . Grazia – die Gnade – ist ganz in der Nähe eines anderen zentralen Wortes: ›gratis‹ – umsonst, frei. Ich kenne keine schönere Haltung als diese, jenseits von Tauschwert und Gebrauchswert. Und Grazia impliziert noch etwas Drittes: Anmut. Die drei Grazien sind von einer Schönheit, die den Boden nicht zu berühren scheint. Grazie ist ein nobles Wort, und es bezeichnet etwas, das aus völliger Freiheit heraus geschieht. Gnade wird geschenkt. Gnade ist umsonst. Seinem Ursprung nach ist es das Schönste auf der Welt."

Er, der immer geschrieben hat, schreibt nun mehr den je. Schon früher ein Meister der präzisen Unterscheidungen – da ist sein großer Essay Der Knoten und der Nagel –, bleibt der studierte Philologe Sofri einer Genauigkeit verpflichtet, in deren Namen er den Worten ihre Tiefenschichten abhorcht und den Zuständen der Welt ihre dialektische Wahrheit.

Im Kraftakt, die Spannung zwischen der Gefangenschaft des Körpers und der Freiheit des Geistes zu halten, sind acht Jahre lang brillant verdichtete Texte entstanden, die nur ihn selbst nicht zufrieden stellten: Ohne Bibliothek, ohne Internet, ohne Ruhe seien dies die Botschaften eines "antiquierten Wilden", der gewöhnt ans Schreiben sei "wie eine Hausfrau ans tägliche Reinemachen". Nur über eines schwieg Sofri sich bislang aus: den eigenen Fall. "Ich bin privilegiert, ich kann es mir erlauben, keine Feinde zu haben – mein Hochmut kennt keine Grenzen. Auch das ist geistige Freiheit: Sich nicht zwingen lassen, irgendwen zum Freund oder zum Feind zu haben…"

Sein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit hat Sofri einmal mit dem Wort distanza di rispetto erklärt: einen Respektsabstand, der die Wertschätzung dessen einschließt, der man war und was man geleistet hat und doch zulässt, dies als nicht mehr gültig anzusehen. Pointiert hat Sofri dies in einem Interview mit Henning Klüver formuliert: Sie hätten damals "das Glück gehabt, Protagonisten eines Scheiterns gewesen zu sein, einer Geschichte, die sich erschöpft hat".

"Die Welt ist alt. Seit langer Zeit schon befindet sich das Tier Mensch auf Abwegen. Das, was es zu ändern gälte, ist so enorm, so heikel, dass die Illusion, es schlagartig zu verändern, die Vorstellung, einen chirurgischen Eingriff zu machen, sehr gefährlich ist. Dann bricht alles über dich herein. Es braucht die Behutsamkeit dessen, der aus einem zusammengestürzten Haus jemanden lebend bergen will: Du musst äußerst vorsichtig sein, um ihn nicht durch deine Bewegungen erst umzubringen. Das Allerwichtigste, was man sich heute vornehmen kann, ist zu reparieren – das wieder instandzusetzen, was verschlissen oder zerstört wurde. Reparare bedeutet zweierlei: wieder instandsetzen und moralisch wieder gutmachen."

Das gestohlene Leben

Der Fehler eines Teils seiner Generation sei gewesen, "dass wir uns den Allerfernsten so nah gefühlt haben, der Dritten Welt, Vietnam, dass wir in Gefahr waren, im Namen dieser Solidarität zerstreut und oberflächlich zu werden im Umgang mit unseren direkten Nächsten."

Seiner Botschaft blieb der ehemalige Revolutionär auch im Gefängnis treu: Nähe und Solidarität – und der "Nächste" konnte nicht näher gedacht werden als: eine Zelle weiter. "Diese acht Jahre sind nicht leer gewesen, sondern erfüllt; von Menschen, die mir gefehlt haben oder die ich im Gegenteil um mich hatte. Die sich manchmal ganz in meine Hand gegeben haben. Das sind jetzt meine Nächsten gewesen, und sonst hätte ich sie woanders gesucht."

Sofri hält es sogar für einen Vorteil, "wenn die Umstände des Lebens dich zwingen, jemanden zum Nächsten zu haben, den du nicht gewählt hast, aber der vielleicht trotzdem richtig ist. In der Bibel ist der Nächste der Außenseiter, der Aussätzige, der aus der Gesellschaft Ausgestoßene. Im Leben begnügen wir uns damit, diesen Nächsten einen Euro zu geben, aber zusammenleben wollen wir sicher mit anderen. Hier ist man gezwungen, den Anderen, Fremden auszuhalten. Das kann einen in Wut versetzen, sogar Hass hervorrufen. Und doch kann ich mich beglückwünschen, ein Leben führen zu müssen, wie man es auch führen soll. Ich war nie ein besonders guter Kerl, aber nun muss ich es sein. Das klingt fast religiös, aus dem Mund eines Atheisten – warum eigentlich nicht?"

Adriano Sofri hat sich jahrelang dem System der domandine verweigert: den "Anträgchen", die er hätte stellen müssen, um die üblichen Hafterleichterungen und -urlaube zu erhalten. Stattdessen beantragte er, die Gefangenen sollten nachts auf den Fußballplatz gelassen werden, damit sie einmal wieder den Nachthimmel sehen können. Oder man solle doch endlich das Don-Bosco-Gefängnis als Sehenswürdigkeit in die Touristenführer aufnehmen. Nachdem diese Anträge regelmäßig abgewiesen wurden – vielleicht ist die Angst zu groß vor Gefangenen, die nach Jahren zum ersten Mal wieder einen Sternenhimmel sehen, oder vor Reisenden, die plötzlich daran zu zweifeln beginnen, dass der Platz der Wunder die wahre Mitte der Stadt ist? –, gab es nun eine Antragsgenehmigung, die ihn selbst an einen ersehnten Ort führt: die Bibliothek der Scuola Normale.

Für einige Angehörige des Rechtsbündnisses Forza Italia war dies gleich Anlass, Häme auszuschütten über den Rektor, der es zulasse, dass jetzt ein Mörder in den Büchern der altehrwürdigen Bibliothek stöbere. Derart zur Hassfigur für viele Italiener geworden zu sein, darunter leide er ziemlich, sagte Sofri in einem aktuellen Interview des Corriere della Sera: Es sei zwar nur ein Detail, das auch gar niemanden mehr interessiere, aber schließlich sei er ja mal unschuldig hinter Gitter gekommen.

Nun sieht es so aus, als ob sich doch wieder einer dafür interessiert: Staatspräsident Ciampi hat dem Verfassungsgericht die Frage vorgelegt, ob er zur Begnadigung ermächtigt sei, auch wenn der Justizminister seine Unterschrift verweigere – wie Roberto Castelli von der rechten Lega Nord dies mit Inbrunst und für alle Zukunft fordert. Zunächst geht es dabei um Bompressi, der bereits zweimal um Gnade ersucht hat – aber vermutlich hätte ein positiver Entscheid des Verfassungsgerichts auch Konsequenzen für Sofri.

Das gestohlene Leben

Man kann es sich fast nicht vorstellen: Sollte Adriano Sofri denn doch einmal, vor 2016, freigelassen werden – was täte die Rechte ohne diese ihre Hassfigur, diese Projektionsfläche mit Namen Adriano Sofri, die seit nunmehr 17 Jahren benutzt wird für den hauseigenen ideologischen Kampf?