Seit Ende Juni nun verlässt Sofri morgens vor acht seine Zelle. Mit der Halbgefangenschaft macht er von einer Möglichkeit Gebrauch, die ihm nach Verbüßung eines Drittels seiner Strafe zusteht. Den Weg zur Arbeit geht er wahrscheinlich wie im Schlaf. An der Scuola Normale di Pisa, einer Art Elite-Kolleg der Pisaner Universität, gelegen an der prächtigen Piazza Cavallieri, studierte und lebte Sofri einst; eine Wegbiegung entfernt von der Piazza dei Miracoli, dem Platz der Wunder – dort, wo die Touristenströme in den zierlich-eleganten Komplex von Dom und schiefem Turm münden. "Es gibt Umstände, in denen du dich einer Gewalt beugen musst. Körperlich bin ich nicht mehr frei. Aber erst wenn ich einwilligen würde in eine intellektuelle Freiheitsberaubung, wäre ich wirklich unfrei. Um Gnade zu bitten impliziert, etwas getan zu haben, was auf Vergebung angewiesen ist. Ich schulde aber niemandem etwas. Ich bin frei. Ich habe gelebt, ein gutes Leben gehabt. Eigentlich bin ich zufrieden."

Gnade an sich sei das Beste, was es gibt, sagt Sofri, und auf Italienisch sowieso. "Wir drücken unseren Dank mit dem Wort Grazie aus . Grazia – die Gnade – ist ganz in der Nähe eines anderen zentralen Wortes: ›gratis‹ – umsonst, frei. Ich kenne keine schönere Haltung als diese, jenseits von Tauschwert und Gebrauchswert. Und Grazia impliziert noch etwas Drittes: Anmut. Die drei Grazien sind von einer Schönheit, die den Boden nicht zu berühren scheint. Grazie ist ein nobles Wort, und es bezeichnet etwas, das aus völliger Freiheit heraus geschieht. Gnade wird geschenkt. Gnade ist umsonst. Seinem Ursprung nach ist es das Schönste auf der Welt."

Er, der immer geschrieben hat, schreibt nun mehr den je. Schon früher ein Meister der präzisen Unterscheidungen – da ist sein großer Essay Der Knoten und der Nagel –, bleibt der studierte Philologe Sofri einer Genauigkeit verpflichtet, in deren Namen er den Worten ihre Tiefenschichten abhorcht und den Zuständen der Welt ihre dialektische Wahrheit.

Im Kraftakt, die Spannung zwischen der Gefangenschaft des Körpers und der Freiheit des Geistes zu halten, sind acht Jahre lang brillant verdichtete Texte entstanden, die nur ihn selbst nicht zufrieden stellten: Ohne Bibliothek, ohne Internet, ohne Ruhe seien dies die Botschaften eines "antiquierten Wilden", der gewöhnt ans Schreiben sei "wie eine Hausfrau ans tägliche Reinemachen". Nur über eines schwieg Sofri sich bislang aus: den eigenen Fall. "Ich bin privilegiert, ich kann es mir erlauben, keine Feinde zu haben – mein Hochmut kennt keine Grenzen. Auch das ist geistige Freiheit: Sich nicht zwingen lassen, irgendwen zum Freund oder zum Feind zu haben…"

Sein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit hat Sofri einmal mit dem Wort distanza di rispetto erklärt: einen Respektsabstand, der die Wertschätzung dessen einschließt, der man war und was man geleistet hat und doch zulässt, dies als nicht mehr gültig anzusehen. Pointiert hat Sofri dies in einem Interview mit Henning Klüver formuliert: Sie hätten damals "das Glück gehabt, Protagonisten eines Scheiterns gewesen zu sein, einer Geschichte, die sich erschöpft hat".

"Die Welt ist alt. Seit langer Zeit schon befindet sich das Tier Mensch auf Abwegen. Das, was es zu ändern gälte, ist so enorm, so heikel, dass die Illusion, es schlagartig zu verändern, die Vorstellung, einen chirurgischen Eingriff zu machen, sehr gefährlich ist. Dann bricht alles über dich herein. Es braucht die Behutsamkeit dessen, der aus einem zusammengestürzten Haus jemanden lebend bergen will: Du musst äußerst vorsichtig sein, um ihn nicht durch deine Bewegungen erst umzubringen. Das Allerwichtigste, was man sich heute vornehmen kann, ist zu reparieren – das wieder instandzusetzen, was verschlissen oder zerstört wurde. Reparare bedeutet zweierlei: wieder instandsetzen und moralisch wieder gutmachen."