Täuscht der Eindruck, den der Urlauber gewinnt, wenn er neuerdings in Mallorca am Strand liegt, zwischen immer weniger Deutschen und dafür immer mehr Polen, Tschechen und Angehörigen anderer Nationen: Haben wir Deutsche das Reisen verlernt? Nein, keinesfalls. Deutsche reisen zwar nicht mehr ganz so oft wie in den Jahren nach dem Mauerfall – damals galten die Deutschen gar als "Reiseweltmeister" –, sind aber immer noch sehr umtriebig. Heute fahren drei Viertel aller Deutschen in Urlaub, 74 Prozent, international noch immer ein sehr hoher Wert. Nur sind die Deutschen mit ihrem Reisewillen nicht mehr so allein, wie sie es einmal waren.

Auch in diesem Sommer sind Flugtickets nach Mallorca auf die Schnelle nur schwer zu bekommen, die vier Aida-Kreuzfahrtschiffe über Wochen ausgebucht, und Berlin erlebt einen Ansturm aus dem Inland. Die Veranstalter versichern, die Deutschen seien keinesfalls urlaubsmüde – nur eben nicht mehr ganz so häufig unterwegs wie vor zehn Jahren. Überhaupt können die Tourismuskonzerne zufrieden sein, nehmen sie doch immer mehr Urlaubern die Reiseorganisation aus der Hand – und verdienen damit gutes Geld: In den vergangenen 20 Jahren stieg der Anteil der Pauschalreisen an allen Reisen der Bundesbürger von einem Viertel auf fast die Hälfte. Ehemals überzeugte Individualurlauber, die einst über Pauschalurlauber die Nase rümpften, buchen heute selbst aus dem Katalog: Sie bedienen sich dabei ausgeklügelter "Baustein-Programme", die es erlauben, sich einen Urlaub selbst zusammenzustellen aus Flug, Hotel, Restaurant und Mietwagen. Das Prinzip funktioniert auch im Internet unter dem Namen Dynamic Packaging.

Zweifelsfrei hat das Internet den Tourismus der Deutschen verändert. Seit die Lufthansa 1996 ihre erste Buchungsplattform im Internet etablierte, haben – nach anfänglicher Scheu – Millionen Bundesbürger am heimischen Computer eine Reise gebucht. Nach der jährlichen "Reiseanalyse" der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) bucht bereits jeder neunte Deutsche seinen Urlaub online, vor vier Jahren tat dies nur jeder dreißigste (nur das angekündigte Reisebüro-Sterben ist ausgeblieben).

Die Auswahl des Reisezieles übernimmt das Internet

Vor allem Zug- und Flugtickets, Hotelreservierungen und Last-Minute-Angebote verkaufen sich bestens im Internet – Dienstleistungen also, für die der Kunde wenig Beratung benötigt. Zu den neuesten Lieblingen im Internet zählen Suchmaschinen, die nach der Eingabe der gewünschten Luft- und Wassertemperatur den geeigneten Pauschalurlaub herausfinden.

Dieser Service spiegelt eine tiefgreifende Veränderung der Urlaubsgewohnheiten wider: Die Deutschen verreisen weniger oft, um ein kulturelles oder geografisches Traumziel zu erreichen – sie wollen sich am Urlaubsziel körperlich wohl fühlen, gleich in welchem Land es gerade angenehm warm ist. Die Tourismusindustrie erfüllt diesen Wunsch, indem sie ehemals schwierig zu bereisende Länder in leicht zu bereisende umwandelt – mit Man-spricht-Deutsch-Personal und mehr oder weniger hermetisch abgeriegelten Hotelanlagen, die der Urlauber nicht einmal mehr zum Kneipenbesuch oder Einkaufsbummel verlässt. Der Erfolg des Reiseziels Dominikanische Republik vor fünf Jahren oder der ägyptischen Warmwasserziele – bis zu den Anschlägen in Scharm al-Scheich – etwa stehen für diese Entwicklung.

Die Umwandlung der Urlaubsreise zum Konsumgut findet ihren reinen Ausdruck in "All-inclusive", der Reise ohne zusätzliche Nebenkosten. Fast jeder vierte Deutsche hat in den vergangenen drei Jahren einen solchen Urlaub verbracht. Das All-inclusive-Konzept ist in der Türkei besonders häufig vorzufinden – so ist es zu erklären, dass die Türkei innerhalb weniger Jahre zu einem der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen wurde. Wahrscheinlich schon in diesem Jahr wird die Türkei Österreich als das drittbeliebteste Reiseland der Bundesbürger überholen. Davor liegen nur noch Italien – vor 20 Jahren noch das Lieblingsziel der Deutschen – und Spanien, auf Platz eins.

Eine recht konstante Zahl der Deutschen bleibt allerdings nach wie vor im Inland, ungefähr ein Drittel. Sie fahren neuerdings gerne nach Mecklenburg-Vorpommern, das sich seit dem Mauerfall als Urlaubsziel etabliert hat, das inzwischen beliebter ist als Schleswig-Holstein und Niedersachsen und das 2004 mehr deutsche Urlaubsgäste anlockte als Frankreich und Dänemark zusammen.