Sicheres über die Persönlichkeit jenes hünenhaften Mannes verdanken wir einem kleinwüchsigen und ameisenhaft geschäftigen Gelehrten. Erst als er sich in abgelegene Ländlichkeit zurückgezogen hatte, um dort frommen Werken zu leben, entstand die Biographie seines Freundes und Herrn. Ihm hatte er lange Jahre als Literaturkundiger und Architekturberater, auch als Gesandter gedient. Er hatte seinem illustren Freundeskreis angehört, der einige der besten Köpfe jener Zeit vereinte. Zwar war der kleine Mann häufig das Opfer derben Spotts geworden, trotzdem genoss er die Sympathie und Hochachtung aller.

Sein biographisches Werk, ein Höhepunkt der Geschichtsschreibung für lange Zeit, folgte zwar einer berühmten Vorgabe, nahm sich aber die Freiheit, mit Darstellungskonventionen zu brechen, um den Helden nach dem Leben zu zeichnen. Für diesen gilt das Wort eines berühmten Historikers, wonach sich "die Geschichte gleichsam in einem Menschen verdichtet". Seiner herrscherlichen Größe zollte sein Biograph durchaus Tribut in genauen Schilderungen des öffentlichen Wirkens seines Protagonisten, wendete sich jedoch mit Freude am Detail dem Persönlichen und Alltäglichen zu. In freundschaftlichem Respekt beschrieb er die stattliche und kräftige Figur, erwähnte die etwas prominent geratene Nase und die lebhaften großen Augen im runden Gesicht. Einen Embonpoint, auch einen leichten Stiernacken vermerkte der Biograph und verwies diskret auf die zur kraftvollen Erscheinung nicht so recht passende hohe Stimme. Die Vorliebe für Gebratenes brachte dem Helden Gicht ein, das Übel der Reichen und Mächtigen. Den Rat seiner Ärzte, zu fasten und gesottenes Fleisch zu essen, schlug er in den Wind. Dafür war er mäßig im Genuss von Wein, eher selten in einer trinkfreudigen Zeit. Im Unterschied zu seinen Vorgängern trug er das graue Haar kurz geschnitten, und der Streit um seinen Bart ist mittlerweile geklärt: Es war ein kurzer Schnurrbart mit leicht über die Mundwinkel herabhängenden Enden. Trotz seines Ranges kleidete er sich konservativ und unaufwändig.

Nicht nur sein Biograph rühmte ihn als Genie der Freundschaft; er liebte Geselligkeit, gelehrte Gespräche und historische Vorträge bei Tisch, offene Worte und anzügliche Scherze, redete gerne und viel und ging oft mit seinen Freunden schwimmen in den warmen Thermalquellen eines altberühmten Badeortes. Verlegenheit bereitete moralisierenden Biographen und auf makellose Größe erpichten Historikern späterer Zeiten sein ausgreifendes Liebesleben. Seine fünf Ehen waren politisch absichtsvolle Verbindungen, Liebe durchaus eingeschlossen; die Zahl der Konkubinen dagegen ist kaum abschätzbar. Achtzehn Kinder sind namentlich bekannt, nur drei überlebten ihn, darunter ein frömmelnder Sohn. Er war ein Familientier, sorgte sich um die Erziehung seiner Kinder, die Töchter aber, seine schönen Täubchen, wollte er nicht hergeben – weshalb sie sich auf häufige und heimliche Liebeshändel einließen. Seine Zielstrebigkeit und seine Treue zu sich selbst, die sein Biograph besonders hervorhob, sein Pflichtbewusstsein gegenüber dem Gemeinwesen wie auch die Härte gegenüber Konkurrenten oder Feinden trugen ihm schon zu Lebzeiten den Ruf ein, Vater des Erdteils und "Leuchtturm in seiner Zeit" zu sein. Der Ruhm seiner tatkräftigen, expansiven Politik verbreitete sich schnell und weit. Ein ferner Potentat schickte ihm als Zeichen seiner Anerkennung einen weißen Elefanten, der es acht Jahre im ungewohnten Klima aushielt. Wer waren der Biograph und sein Held?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 30:

Petra Kelly (1947–1992). Pazifistin, Mitbegründerin und Symbolfigur der Grünen. So strahlend und stark ihr Auftreten, so von Ängsten zernagt war wohl ihre Psyche. Die Hintergründe, vermuten Biographen, lagen in frühen Traumata. Auch der krankhaft symbiotische Charakter ihrer langjährigen Beziehung zu Gert Bastian, dem Ex-General, kam erst nach ihrem Tod zur Sprache. Im Oktober 1992 wurde das Politikerpaar tot in seinem Reihenhaus in Bonn aufgefunden. Wenn es auch anfangs noch Mordkomplott-Theorien gab, alle Indizien sprachen dafür, dass der 24 Jahre ältere, vom rastlosen Leben erschöpfte Gert Bastian erst Petra Kelly im Schlaf und dann sich selber erschoss