Das Leben kann so schön sein…

In einem Strandkorb mit Blick auf die Lübecker Bucht sitzen zwei alte Freunde. Es ist Sommer, es ist Urlaub, es ist Travemünde. Seit vielen Jahren kommen sie mit ihren Frauen hierher. Nun sind die Damen beim Friseur und unterhalten sich über Männer. Und die beiden Freunde haben die Beine hochgelegt, sie tragen weißes Haar, weiße Hosen und Sonnenbrillen und tun, was Männer tun, wenn sie unter sich sind. Sie unterhalten sich über Autos.

Der eine erzählt von seinem Besuch in einer gläsernen Fabrik. So ein Auto, sagt er, das sei ja in einer einzigen Stunde zusammengebaut. "Du kriegst deinen Termin – an dem und dem Tag um die und die Uhrzeit wird dein Auto montiert, fährst hin und schaust zu. Wie die Achsen angeschwebt kommen, Motorblock, Tank, Sitze, Türen, alles genau in der Farbe, wie du’s bestellt hast. Und nach einer Stunde ist dein Auto fertig und rollt dir vor die Füße."

Die Freunde schweigen eine Weile und kosten das aus: das silbrige Glitzern der Sonne auf der Ostsee, das vertraute Fährschiff nach Schweden, das eben vorübergleitet, die weißen Segler und den prachtvollen Anblick des drüben auf dem Priwall aufgebahrten Viermasters Passat, des letzten großen deutschen Windjammers, 1911 bei Blohm & Voss gebaut, mit seinen bald 5000 Quadratmetern Segelfläche.

Die Wellen rollen sanft an die Promenade, und die Autos rollen dir vor die Füße. Ist das Leben nicht schön?

Der Heinz-Ehrhardt-Imitator

Im Hotel – ein Hochhaus überm Strand, das in seiner gemütlichen Sachlichkeit ein wenig an Bonner Regierungsbauten erinnert: ein Bonn am Meer – hängen Fotos von Stammgästen. Sie füllen zwei Wände der Halle. Fotos prominenter Gäste sind darunter gemischt. Karel Gott und Johannes Rau. Cindy und Bert und Norbert Blüm.

Einmal im Jahr lädt das Hotel zu Stammgastwochen. Ehepaare aus Lübeck, Essen, Buxtehude, Hamburg natürlich. Gutbürgerlich, gut situiert, nicht arm, aber auch nicht zu reich, mittlerweile im Pensionsalter. Manche haben hier ihre Rubinhochzeit gefeiert.

Das Leben kann so schön sein…

Ein Ehepaar hat sein schwarzweißes Hochzeitsfoto von 1947 neben das von seiner Rubinhochzeit 40 Jahre später im selben Hotel gehängt. 1947 bis 1987 – ein Leben deckt sich mit einem Strand, mit einem langen Urlaub in 40 Folgen, mit der Biografie des Landes.

Die Bundesrepublik hatte ihre Rubinhochzeit zwei Jahre später gefeiert. Noch einen letzten Sommer hatte sie, den Sommer 1989, dann klopfte es an der Mauer, und das Gespenst der Geschichte stand vor der Tür.

Die Paare an der Fotowand sind alt geworden mit ihrem westdeutschen Generationenprojekt. Mit dem nie mehr armen, aber auch nicht allzu reichen, nicht zu lauten, von keinen unkontrollierbaren Leidenschaften mehr zerrissenen Land, das sie geschaffen haben – das ruhigste, verlässlichste, sachlichste Deutschland, das es je gab.

War es nicht wie jene gläserne Autofabrik: präzise, qualitätsbewusst, transparent? Ein Land, das dir vor die Füße rollt wie im Katalog gesehen, wie bestellt. Und fährt und fährt und fährt.

In diesen Tagen tritt im Hotel der Heinz-Ehrhardt-Imitator auf. Er werde ihn parodieren, steht auf dem Plakat, aber wir gehen kaum fehl, wenn wir vermuten, dass es eher Nostalgie ist, was der junge Parodist auslösen wird. Einen wohligen Blick zurück auf den originellsten Spaßvogel des Wirtschaftswunders – auf ein tüchtiges, kleines Land mit maßvollem Humor und Embonpoint.

"Das große Lachen" heißt sein Programm. "Ein Abend der Erinnerungen". Ein Titel wie ein Ohrwurm. Wie ein sentimentaler Schlager jener goldenen Jahre weht er durch die Hotelhalle. Immer wieder abends kommt die Erinnerung. Und es fällt schwer, in diesen retroseligen Jahren die Nase über die nostalgischen Alten zu rümpfen. Historismus und Nostalgie sind in allen Generationen beliebt wie lange nicht mehr.

Kein Wunder. Glaubt man den Umfragen, schauen die Deutschen in einer Mischung aus Hoffnung und Bangigkeit auf das Ende dieses Sommers. Das steht nun exakt fest. Am 18. September 2005 endet die lange, westdeutsche Sommerzeit. Könnte es sein, dass eines Tages Eltern ihren Kindern erzählen, das sei damals der letzte Urlaub gewesen – der letzte von der alten Art?

Das Leben kann so schön sein…

Die "Deutschland"-Jacke

Im feinen Sand von Timmendorf geht es lebhafter zu, gegenwärtiger, unsentimentaler. Viele junge Eltern mit ihren kleinen Kindern lagern um die Strandkörbe. Unter viel Piratenlärm stechen kleine Jungen in ihren Schlauchbooten in See. Ein kleines Mädchen im gepunkteten Badeanzug schleppt Ostseewasser an Land, Eimer um Eimer, unermüdlich wie einst seine Großmutter als Trümmerfrau. Glückliche Enkel umschwirren ihre Sommerbeute – unendlich geduldige, in sich und im Sande ruhende Großväter. Kleinkinder untersuchen den Sand auf merkwürdige Körner.

Charmante Väter, die ihren Töchtern anbieten, die Spielsachen zu tragen oder zu ihren Söhnen ins Piratenboot steigen und sofort das Kommando übernehmen. Ältere Paare, die sich ihrer Bäuche und Falten nicht schämen – das gute Gefühl, die Mühen der Jugend hinter sich zu haben und nicht mehr bella figura auf der Promenade machen zu müssen.

Das liebste Spielzeug dieses Sommers ist das Fotohandy. Junge Mütter spielen ausgiebig damit, sie kitzeln ihre Kleinen an allen erdenklichen Hälsen und Füßen, um sie zu immer noch lustigeren Kinderfoto zu animieren. Es wird gekitzelt, geknipst, live vom Strand gesendet, den lieben, langen Tag.

Alle Klischees vom verkrampften, zu seinem Glück nicht begabten Deutschen sind in diesem Timmendorfer Moment so fern, dass man über sie nicht einmal nachdenken muss, es reicht ein Lächeln hinüber zum Nachbarkorb. So leger, so familiär geht es zu, dass man glauben möchte, Deutschland sei gerade ein glückliches Land.

Irgendwo dudelt ein Radio, jetzt hat es ausgedudelt, es piept der Stundenton, und dann haut das Radio dem Strandidyll seine neuesten Nachrichten um die Ohren. Terror in London, Terror in Bagdad. Korruption in Wolfsburg, Korruption in München. Reformen, die weh tun werden. Oder sie tun nicht weh genug und darum bald umso mehr. Neuwahlen. Eine neue Linkspartei. Niemand sagt etwas, aber ein Schatten legt sich auf die Gesichter, als habe sich eine Wolke vor die Sonne geschoben.

Jemand stellt das Radio aus. Wind kommt auf, es soll kühler werden, vielleicht regnet es heute noch.

Das Leben kann so schön sein…

Der Vater des Babys auf dem Handtuch nebenan, ein sportlicher Typ um die dreißig, zieht seine schwarze Reißverschlussjacke an, die mit den weißen Streifen am Ärmel und dem Wort "Deutschland" quer über der Brust, darüber sitzt ein kleines schwarz-rot-goldenes Wappen. Eigenartig, er ist schon der dritte junge Vater mit dieser Jacke. Steckt da etwas dahinter – der DFB oder Schlimmeres? Ach, sagt er, die habe er mal in Hannover gekauft. Er grinst.

"Ich komme aus der Provinz, dafür gibt’s keine Jacke. Es gibt nur die mit ›Hamburg‹ drauf oder mit ›Berlin‹. Da hab ich die ›Deutschland‹-Jacke genommen."

Was für ein sympathischer Patriotismus. Sie prahlt und protzt nicht, die Deutschlandjacke, sie ist ja nur aus Hannover. Aber sie wärmt und sitzt. Und eine andere haben wir nicht.

Der Camper kennt keine Krise

Das Radio hat neue Nachrichten. Die Bundesregierung verkaufe nun ihre letzten Anteile an Post und Telekom, und Nordrhein-Westfalen denke über den Verkauf seiner Landesbank nach. Das Radio steht diesmal auf einem befestigten Campingplatz bei Pelzerhaken, im Wintergarten aus transparentem Plastik, den ein Camper vor seinem Wohnmobil aufgestellt hat.

Nun wird das alles im Radio kommentiert, und wieder einmal fällt das Wort vom Tafelsilber. Den Camper schüttelt ein kurzes, lautloses Lachen. "Das Tafelsilber", brummt er, "das ist jetzt bald alle."

Sein trockener Humor passt zu einer Urlaubsweise, wie sie bodenständiger nicht denkbar ist. Es sind große, parzellierte Plätze mit Hecken als Raumteiler und rustikalem Wasseranschluss pro Stellplatz, welche die Camper Jahr für Jahr aufsuchen, um ein ins Zivile gemildertes Nomadenleben auf Zeit zu führen. Addiert man die Tarife für Mann und Frau, Kind und Wagen, Wasser und Strom, die am Tor aushängen, kommen keine 20 Euro am Tag zusammen.

Das Leben kann so schön sein…

Wer so kalkuliert, ist krisenresistent. Der sitzt auf dem Hochufer der Ostsee und schaut ruhig zu, wie die Leichen der Globalisierung vorübertreiben. Der hat seine Siebensachen auf Rädern dabei, die mobile Einbauküche, das mobile Wohnzimmer, einen mobilen Kasten Bier, und Mutter und Tochter spülen das Geschirr am Wasserhahn im Freien – der hat sein Sach aufs nötigste gestellt.

Eine wahre Geschichte aus den frühen, wilden Jahren der Bundesrepublik gibt es, die passt hierher. Sie passt in Campers Grillabend und in diesen möglicherweise letzten Urlaub West: der erste Urlaub West. Der erste nach dem Krieg.

Im Frühjahr 1949 – der neue Staat war noch gar nicht gegründet – tauchte in der Universität München ein Aushang auf, um den sich rasch Trauben staunender Leser bildeten: "Studienreise – 15 Tage mit dem Fahrrad durch Italien. 120 Mark. Alles inklusive".

In einer Zeit, in der vier Gästebetten in Berchtesgaden drei Zentner Steinkohle kosteten, auch zahlbar in Zigaretten, Glühbirnen, Leder, war eine Italienreise ein verrückter, vollkommen weltfremder Traum. Er wurde aber wahr. Weit über tausend Studenten mit eigenem Fahrrad meldeten sich. Der Student Werner Kubsch, der spätere Studiosus-Gründer, der den Zettel ausgehängt hatte, konnte jedoch nur monatlich 15 mitnehmen.

Er hatte alte Kontakte zur Italienarmee flottgemacht und die riesigen Hürden überwunden, die einem solchen Unternehmen damals entgegenstanden: Charakterzeugnis. Studienzeugnis. Entnazifizierungszeugnis. Ersatzpass von der US-Militärregierung. Einladung aus dem Ausland. Konsularische Einreisevisumsbestätigung. Unterhaltsgarantie durch den Einladenden. Österreichische Transitvisumgarantie.

Über die Alpenpässe wurden die Räder geschoben, dann rollte die erste italienische Reise der deutschen Nachkriegszeit talwärts. Nicht ohne an dem auf der mitgegebenen Handskizze eines Kriegskameraden bezeichneten Strommast zu halten, unter dem jener vor der Gefangennahme seine Leica vergraben hatte, in einer verlöteten Konservendose.

Die Dose wurde ausgegraben, die Leica gefunden, und dann wunderten sich die Einwohner von Pisa und Neapel über die ersten deutschen Rucksacktouristen auf ihren schweren Rädern mit dem Ersatzschlauch um den Hals.

Das Leben kann so schön sein…

Etwas vom Geist dieser unerschrockenen Urlaubspioniere weht über jedem Campingplatz. Ja, es gibt Orte im Land, an denen geht die Krise schmollend vorüber.

Der Bürger am Meer

Manchmal ist das deutsche Seebad mondän gewesen, seit es um 1800 herum entstand, in Heringsdorf auf Usedom oder in Heiligendamm. Aber meist war es ein bürgerlich-kleinbürgerlicher Ort, und der Strandkorb war ein Balkon mit Seeblick und Tragegriffen. Das ist, obwohl die Sitten legerer und wirrer wurden, eigentlich immer noch so in Travemünde, Timmendorf und auch in Grömitz, dessen lebhaft bevölkerte Promenade wir zur Abendessenszeit erreichen.

Das Bild, das sich hier bietet, erinnert an französische Seebäder der siebziger, achtziger Jahre. Das war die Zeit, als das urlaubsmäßige Ausschwärmen der Deutschen ins Ausland alle Rekorde brach. Im Jahre 1984 verbrachten exakt zwei von drei Bundesbürgern ihren Sommer außer Landes: 17,5 Millionen. Eine ganze DDR. Als ob sie mit Mann und Maus die Tür hinter sich zugeschlossen hätte und verreist wäre. Wahrscheinlich war das Weltrekord.

Die Deutschen wunderten sich über die langweiligen Franzosen, die sie jeden Sommer daheim antrafen, in ihren immergleichen Bungalows von Mimizan-Plage am Atlantik bis hinüber nach Sète. Und die Italiener und Spanier machten es eigentlich genauso. Damals durften sich die Deutschen, wohin sie auch kamen, weit gereist fühlen: die einzigen Ausländer auf der ganzen Welt.

Dem klassischen Urlaub hat der Geist der Zeit kräftig in den Strandkorb gespuckt. Er und namentlich die Sandburg wurden von den 68ern als spießig verspottet. Das Bürgertum selbst floh seine Formen. Es fand es auf einmal schick, sich splitterfasernackt in den Sylter Dünen zu begegnen. Wenn aber bürgerlich bedeutet, die Balance von Öffentlichkeit und Privatheit auch in halb nackter Lage zu wahren und beides nicht umstandslos gleichzumachen, dann sind die Institutionen Strandkorb und Sandburg eben sommerfrische Formen bürgerlichen Daseins.

Wer Grömitz bucht, braucht das Ausschwärmen nicht. Hier und da ein paar Holländer, ein paar Briten, das war’s. Die Grömitzer Promenade, das ist die deutsche Mitte, an den Strand versetzt – eher die gute alte als die nervöse neue.

Das Leben kann so schön sein…

In Appartements der siebziger Jahre wohnen. Aber sich auch mal was gönnen. Zu feststehenden Zeiten baden gehen, im Hotel seine Halbpension verzehren und abends auf die Promenade. Dort findet ein Spaßmacher von der Küste oder ein polnischer Eric-Clapton-Revival-Mann jederzeit ein williges Publikum. Und die Jugend tut, was sie immmer tat. Sie wartet, dass es dunkel wird und sie draußen am Strand langsam außer Sichtweite gerät, auf der langen, im Dunst verschwimmenden Seebrücke oder under the boardwalk. Wenn man will, ist Grömitz und sind auch die anderen Ostseeorte die legitimen Enkel des weiland bürgerlichen deutschen Seebades – Enkel im bunten, neudeutschen Freizeithöschen, mit Minipizza und Minigolf.

Wenn nur das Radio stillschwiege. Aber es ist noch nicht fertig, die deutschen Dinge kommen ins Schaukeln, es hört gar nicht auf. So viele Nachrichten an einem einzigen Sommertag, bei denen es einem mulmig wird. Morgen, sagt der Sprecher, endet die staatliche Gewährträger-Haftung für Sparkassen und Landesbanken.

Was ist das denn, um Himmels willen? Ein Sparkassen-Mann wird eingeblendet. Es markiere eine Wende, sagt er mit ernster Stimme. Und dass die armen Sparkassen nun hinaus ins wirkliche Leben müssten, der Staat fange sie ab morgen früh nicht mehr auf. Und dann sagt er: "Ein Zeitalter geht zu Ende."

Nun ja, denkt sich der Urlauber, bis morgen früh wird das nicht gerade passieren. Erst einmal geht nur ein Tag an der See zu Ende und dann der Urlaub, und dann sehen wir weiter. Und doch könnte es sein, dass der Mann aus dem Radio nicht ganz Unrecht hat. Wenn dieser Urlaub endet, kommt Deutschland ein bisschen anders aus ihm heraus, als es hineinging.

Es regnet in Kalifornien

In einem winzigen Ort kurz vor Kiel endet die Reise. Hier strandete um die Zeit, als alles anfing, als Kaiser Wilhelm sich in Versailles die Krone aufsetzte, ein Boot namens Californien. Der Name blieb an dem Ort hängen. Gerade rasen Opas und ihre Enkel auf bunten Dreirädern über den Sand, als ein schöner Blitz ins Meer schlägt, und Donner rollt hinterher.

Wenn etwas endet, gibt es immer diesen Augenblick ungläubigen Erstaunens, den Blick zurück auf das plötzlich unerreichbare, sich immer weiter entfernende Ufer. Ach, da sind wir doch eben noch gewesen, das war doch gerade noch unser Leben.