Ein Ehepaar hat sein schwarzweißes Hochzeitsfoto von 1947 neben das von seiner Rubinhochzeit 40 Jahre später im selben Hotel gehängt. 1947 bis 1987 – ein Leben deckt sich mit einem Strand, mit einem langen Urlaub in 40 Folgen, mit der Biografie des Landes.

Die Bundesrepublik hatte ihre Rubinhochzeit zwei Jahre später gefeiert. Noch einen letzten Sommer hatte sie, den Sommer 1989, dann klopfte es an der Mauer, und das Gespenst der Geschichte stand vor der Tür.

Die Paare an der Fotowand sind alt geworden mit ihrem westdeutschen Generationenprojekt. Mit dem nie mehr armen, aber auch nicht allzu reichen, nicht zu lauten, von keinen unkontrollierbaren Leidenschaften mehr zerrissenen Land, das sie geschaffen haben – das ruhigste, verlässlichste, sachlichste Deutschland, das es je gab.

War es nicht wie jene gläserne Autofabrik: präzise, qualitätsbewusst, transparent? Ein Land, das dir vor die Füße rollt wie im Katalog gesehen, wie bestellt. Und fährt und fährt und fährt.

In diesen Tagen tritt im Hotel der Heinz-Ehrhardt-Imitator auf. Er werde ihn parodieren, steht auf dem Plakat, aber wir gehen kaum fehl, wenn wir vermuten, dass es eher Nostalgie ist, was der junge Parodist auslösen wird. Einen wohligen Blick zurück auf den originellsten Spaßvogel des Wirtschaftswunders – auf ein tüchtiges, kleines Land mit maßvollem Humor und Embonpoint.

"Das große Lachen" heißt sein Programm. "Ein Abend der Erinnerungen". Ein Titel wie ein Ohrwurm. Wie ein sentimentaler Schlager jener goldenen Jahre weht er durch die Hotelhalle. Immer wieder abends kommt die Erinnerung. Und es fällt schwer, in diesen retroseligen Jahren die Nase über die nostalgischen Alten zu rümpfen. Historismus und Nostalgie sind in allen Generationen beliebt wie lange nicht mehr.

Kein Wunder. Glaubt man den Umfragen, schauen die Deutschen in einer Mischung aus Hoffnung und Bangigkeit auf das Ende dieses Sommers. Das steht nun exakt fest. Am 18. September 2005 endet die lange, westdeutsche Sommerzeit. Könnte es sein, dass eines Tages Eltern ihren Kindern erzählen, das sei damals der letzte Urlaub gewesen – der letzte von der alten Art?