Wer so kalkuliert, ist krisenresistent. Der sitzt auf dem Hochufer der Ostsee und schaut ruhig zu, wie die Leichen der Globalisierung vorübertreiben. Der hat seine Siebensachen auf Rädern dabei, die mobile Einbauküche, das mobile Wohnzimmer, einen mobilen Kasten Bier, und Mutter und Tochter spülen das Geschirr am Wasserhahn im Freien – der hat sein Sach aufs nötigste gestellt.

Eine wahre Geschichte aus den frühen, wilden Jahren der Bundesrepublik gibt es, die passt hierher. Sie passt in Campers Grillabend und in diesen möglicherweise letzten Urlaub West: der erste Urlaub West. Der erste nach dem Krieg.

Im Frühjahr 1949 – der neue Staat war noch gar nicht gegründet – tauchte in der Universität München ein Aushang auf, um den sich rasch Trauben staunender Leser bildeten: "Studienreise – 15 Tage mit dem Fahrrad durch Italien. 120 Mark. Alles inklusive".

In einer Zeit, in der vier Gästebetten in Berchtesgaden drei Zentner Steinkohle kosteten, auch zahlbar in Zigaretten, Glühbirnen, Leder, war eine Italienreise ein verrückter, vollkommen weltfremder Traum. Er wurde aber wahr. Weit über tausend Studenten mit eigenem Fahrrad meldeten sich. Der Student Werner Kubsch, der spätere Studiosus-Gründer, der den Zettel ausgehängt hatte, konnte jedoch nur monatlich 15 mitnehmen.

Er hatte alte Kontakte zur Italienarmee flottgemacht und die riesigen Hürden überwunden, die einem solchen Unternehmen damals entgegenstanden: Charakterzeugnis. Studienzeugnis. Entnazifizierungszeugnis. Ersatzpass von der US-Militärregierung. Einladung aus dem Ausland. Konsularische Einreisevisumsbestätigung. Unterhaltsgarantie durch den Einladenden. Österreichische Transitvisumgarantie.

Über die Alpenpässe wurden die Räder geschoben, dann rollte die erste italienische Reise der deutschen Nachkriegszeit talwärts. Nicht ohne an dem auf der mitgegebenen Handskizze eines Kriegskameraden bezeichneten Strommast zu halten, unter dem jener vor der Gefangennahme seine Leica vergraben hatte, in einer verlöteten Konservendose.

Die Dose wurde ausgegraben, die Leica gefunden, und dann wunderten sich die Einwohner von Pisa und Neapel über die ersten deutschen Rucksacktouristen auf ihren schweren Rädern mit dem Ersatzschlauch um den Hals.