Etwas vom Geist dieser unerschrockenen Urlaubspioniere weht über jedem Campingplatz. Ja, es gibt Orte im Land, an denen geht die Krise schmollend vorüber.

Der Bürger am Meer

Manchmal ist das deutsche Seebad mondän gewesen, seit es um 1800 herum entstand, in Heringsdorf auf Usedom oder in Heiligendamm. Aber meist war es ein bürgerlich-kleinbürgerlicher Ort, und der Strandkorb war ein Balkon mit Seeblick und Tragegriffen. Das ist, obwohl die Sitten legerer und wirrer wurden, eigentlich immer noch so in Travemünde, Timmendorf und auch in Grömitz, dessen lebhaft bevölkerte Promenade wir zur Abendessenszeit erreichen.

Das Bild, das sich hier bietet, erinnert an französische Seebäder der siebziger, achtziger Jahre. Das war die Zeit, als das urlaubsmäßige Ausschwärmen der Deutschen ins Ausland alle Rekorde brach. Im Jahre 1984 verbrachten exakt zwei von drei Bundesbürgern ihren Sommer außer Landes: 17,5 Millionen. Eine ganze DDR. Als ob sie mit Mann und Maus die Tür hinter sich zugeschlossen hätte und verreist wäre. Wahrscheinlich war das Weltrekord.

Die Deutschen wunderten sich über die langweiligen Franzosen, die sie jeden Sommer daheim antrafen, in ihren immergleichen Bungalows von Mimizan-Plage am Atlantik bis hinüber nach Sète. Und die Italiener und Spanier machten es eigentlich genauso. Damals durften sich die Deutschen, wohin sie auch kamen, weit gereist fühlen: die einzigen Ausländer auf der ganzen Welt.

Dem klassischen Urlaub hat der Geist der Zeit kräftig in den Strandkorb gespuckt. Er und namentlich die Sandburg wurden von den 68ern als spießig verspottet. Das Bürgertum selbst floh seine Formen. Es fand es auf einmal schick, sich splitterfasernackt in den Sylter Dünen zu begegnen. Wenn aber bürgerlich bedeutet, die Balance von Öffentlichkeit und Privatheit auch in halb nackter Lage zu wahren und beides nicht umstandslos gleichzumachen, dann sind die Institutionen Strandkorb und Sandburg eben sommerfrische Formen bürgerlichen Daseins.

Wer Grömitz bucht, braucht das Ausschwärmen nicht. Hier und da ein paar Holländer, ein paar Briten, das war’s. Die Grömitzer Promenade, das ist die deutsche Mitte, an den Strand versetzt – eher die gute alte als die nervöse neue.