Vor meiner ersten öffentlichen Lesung habe ich drei Tage lang nichts essen können. Ich habe zwei Kilo abgenommen, figürlich tut mir das gut. Am Morgen vor der Lesung wollte ich mich rasieren, aber die Hände haben gezittert. Deswegen musste ich meine Rasierhand mit der linken Hand festhalten. Die ganze Zeit sagte eine Stimme: "Die Leute bei der Lesung da, das sind doch im Grunde nette Leute. Wenn du denen nichts tust, tun die dir auch nichts." Aber eine andere Stimme sagte: " Homo homini lupus ." Vor der Lesung ging ich drei Stunden lang spazieren. Als ich bei der Lesung ankam, sah ich aus wie ein Eimer Erbrochenes, in dem Lämmeraugen schwimmen. Es war in der Bar jeder Vernunft. Der Chef der Bar sah mich an und sagte: "Jetzt trink erst mal zwei Gläser Prosecco." Das ist ein kluger und einfühlsamer Mann. Er meint, dass seiner langjährigen Erfahrung nach ein Glas als Therapie zu wenig ist. Drei Gläser dagegen sind definitiv zu viel.

Jahrelang haben sie vor den Fußballübertragungen immer den Werbespot mit dem Jungen gebracht. Der Junge, etwa 14, jongliert mit dem Fuß einen Ball und wird wegen seiner Jonglierkünste von Mädchen angehimmelt. In meinen Augen ist so etwas jugendgefährdend. Pubertierenden wird suggeriert, dass sie bei Mädchen Eindruck schinden können, indem sie jonglieren.

Von allen Mädchenbeeindruckungsmethoden ist in Wahrheit das Jonglieren eine der aussichtslosesten. Ich habe es selber ausprobiert. Gitarrespielen funktioniert viel besser. Der Junge trägt in der Hand eine Milchtüte. Der Slogan hieß: "Die Milch macht’s". Diesen Spot haben sie so oft gesendet, dass mir von dem Spot regelrecht übel wurde. Ich trinke kaum noch Milch. Außerdem: Die Milch macht es gar nicht.

Vielleicht ist Schleichwerbung sogar gut. Schleichwerbung unterbricht wenigstens nicht das Programm. Wenn sie bei der ARD die Werbeblöcke vor der Tagesschau abschaffen, dürfen sie, als Ausgleich, meinetwegen Sabine Christiansen "easyJet" auf die Stirn tätowieren oder "Für meine Zukunft seh’ ich blau".

Der Moderator bei der Lesung war ein Mann vom Fernsehen. Wir sollten zu zweit auf der Bühne was machen. Was genau, war unsere Sache. Am Telefon hatte der Moderator gesagt: "Sie lesen, ich moderiere. Vor der Veranstaltung besprechen wir dann die Einzelheiten. Keine Sorge, ich bin Profi." Als ich hinter der Bühne in der Garderobe saß, kam jemand von der Bar herein und sagte: "Der Moderator verspätet sich etwas. Er hat noch eine Livesendung. Er lässt ausrichten, keine Sorge, er sei Profi." Da war mir aber gar nicht gut. Als der Moderator schließlich kam, sollte die Lesung eigentlich schon angefangen haben und man hörte in der Garderobe, wie das Publikum ungeduldig hustete. Ich sagte: "Was ist denn jetzt mit den Einzelheiten?" Wir hatten nämlich noch gar nicht über die Einzelheiten gesprochen. Der Moderator sagte: "Die Einzelheiten machen wir ganz nach Gefühl."

Inzwischen habe ich vor Lesungen nur noch so ein Kribbeln, als ob ich einen von diesen elektrischen Zäunen anfasse. Ich bin Profi! Diese Kolumne macht Schleichwerbung für die Bar jeder Vernunft, für easyJet und Sabine Christiansen .