Es gibt Tage, da kann ich sagen: Ich habe geschlafen. Und zugleich: Ich habe nicht geschlafen. Ich habe meditiert. Es kann sein, dass ich nicht schlafe, aber zugleich träume. Die Grenze zwischen Traum und Meditation ist sehr schmal. Bei der Meditation folge ich keiner bestimmten Methode mehr. Ich habe vier, fünf verschiedene ausprobiert. Zwei indische Meister gaben mir Mantras, die ich lange Zeit kultiviert habe. Am Ende gab ich alle Methodik auf, indem ich die Meditation sich selbst offenbaren ließ. Ich gehe so weit zu sagen, dass ich nicht mehr bewusst meditiere. Meditation ist eine Geisteshaltung geworden. Manchmal meditiere ich schlafend, manchmal erlaube ich einfach dem Strom von Raum und Zeit, meinen Gedanken Gestalt zu geben. Meditation heißt: der Dinge gewahr werden.

Gelegentlich wache ich freitags auf und denke: Heute ist Freitag, heute sollte ich weiße Kleidung tragen, so wie es im Candomblé-Glauben üblich ist. Heute muss ich meinen Vorfahren Ehre erweisen. Aber bisweilen sage ich auch einfach: nein. Dann ziehe ich es vor, Schwarz zu tragen, wenn man von mir Weiß erwartet. Und sei es nur, um zu zeigen, dass die Regel die Ausnahme ist. Von Zeit zu Zeit ist es gut, deinen eigenen Glauben zu verneinen, deine Begierden, deine Götter. Religionen haben für mich einen kulturellen Wert. Und damit ist es gut.

Provokationen gehören zu meinem Leben. Auch wenn jetzt manche Leute sagen, früher hätte ich mit Steinen geworfen, heute säße ich im Glashaus. Ich war einer, der das System herausfordert. Ein Rebell, der jede Konvention ablehnt. Das war die Zeit, als ich Steine warf. Heute, als Mitglied der Regierung, verspüre ich trotzdem gelegentlich noch Lust, einen kleinen Stein zu nehmen und ihn übers Dach kullern zu lassen. Diese Dualität ist meine Natur.

Es gibt einen philosophischen Gedanken, den sowohl die Chinesen als auch später die Griechen kannten: Die perfekte Mitte bedeutet, dass zwei Extreme gleichermaßen möglich sind. Es handelt sich dabei nicht um einen festen Zustand oder Ort. Die richtige Mitte liegt in der Bewegung zwischen zwei Polen. Manchmal befindet man sich an einem Pol, der ein Extrem darstellt. Und im nächsten Moment ist man genau das Gegenteil. Dazwischen ist man in den verschiedensten Positionen. Das ist die Dynamik des Lebens.

Politik ist eine Kampfkunst. Es ist unmöglich, sich Politik ohne Konflikt und Disput vorzustellen. Zugleich muss sie bestimmten Regeln folgen. Man muss seinen Gegner respektieren. Es ist wie ein zivilisierter Krieg. Ein Dichter steht auf dem Schlachtfeld der Politik nicht besser oder schlechter da als andere. Die Poesie hat ihr eigenes Reich. Aber ich mag es, wenn sich diese Sphären vermischen. Das ist wie das Pendeln zwischen zwei Polen. Es sichert permanente Bewegung. Poetisch Politik zu machen und politisch zu dichten – die Gedanken und Gefühle auf beiden Seiten profitieren davon. Man sollte Politikern ihre poetische Seite nicht verweigern. Politiker können Poeten sein und umgekehrt.

Als ich vor den Vereinten Nationen gemeinsam mit Kofi Annan gesungen habe, geschah das spontan. Einfach, weil sich die Gelegenheit ergab. Ich war an einem sehr ernsthaften Ort. Mir wurde erlaubt, für ein, zwei Stunden Musik dorthin zu bringen. Eine Gelegenheit, die Sphären zu vermischen. Ich habe dort zum Beispiel den brasilianischen Dichter Vinícius de Moraes zitiert. Ein Poet, der zugleich Diplomat war und einige der bekanntesten brasilianischen Lieder geschrieben hat.

Meine afrikanischen Wurzeln habe ich recht spät entdeckt, wenn ich bedenke, dass ich von Schwarzen abstamme. Ich komme aus Bahia, dem Zentrum schwarzer Kultur in Brasilien. Aber es dauerte lange, bis ich mir dessen bewusst wurde. Ich wurde zu einem Mitglied der petite bourgeoisie erzogen. Ich sollte einer dieser Ärzte oder Anwälte werden. Ein Mitglied der modernen Gesellschaft, kosmopolitisch, großstädtisch, international orientiert. Ich wurde nicht darauf vorbereitet, über meine Ursprünge nachzudenken. Deshalb hat es etwas länger gedauert, bis ich mir bewusst wurde, dass wir in Brasilien eine starke afrikanische Kultur haben.