Mohammed Bouyeri ist im September 2001 ein gern gesehener Gast bei der "Nachbarschaftsplattform", der Bürgervertretung des Amsterdamer Viertels Slotervaart. Endlich kommt da ein junger "Marokkaner", der mitreden will, wenn es um Mitbestimmung, Bürgerrechte und Pflichten geht. Endlich einer, der sich heimisch zu fühlen scheint in der typisch niederländischen Kultur von Gespräch und Verhandlung. Normalerweise erscheinen ältere, weiße Bürger zu den Versammlungen des Stadtviertels. Doch die Bevölkerung von Slotervaart besteht zu 90 Prozent aus Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation.

Mohammed, geboren in Holland und wie die Eltern Inhaber der doppelten Staatsbürgerschaft, fällt auf. Er spricht deutlich und artikuliert, und er zeigt sich kooperativ. Die Klagen über "marokkanische" Jugendliche, die man für viele Probleme im Viertel verantwortlich macht, hört er sich geduldig an. Der Ton sei damals sicherlich nicht diskriminierend gewesen, sagt ein Beamter der Gemeinde heute, aber man habe auch nicht drum herumgeredet: "Die Migranten kriegten des Öfteren den Schwarzen Peter zugeschoben."

Langsam verändert sich Mohammeds Haltung. Als eines Tages im Frühjahr 2003 die Marokkaner wieder mal angegriffen werden, reagiert er aggressiv, ruft laut den Propheten an und spricht die Worte des islamischen Glaubensbekenntnisses: "La ilaha illallah" – "Kein Gott außer Allah".

"Wir wurden alle ganz still", sagt der Gemeindebeamte. "Bei der letzten Bürgerversammlung, zu der Mohammed am 23. Juni 2003 erschien, rief er dann an die sechs Mal den Propheten an." Ein Mitarbeiter der Nachbarschaftsplattform spricht mit der Polizei über Mohammeds Verhalten: Was ist los mit dem Jungen? Läuft da vielleicht etwas schief? Ja, hört er, es bestehe Grund zur Besorgnis; so sehr, dass selbst der Geheimdienst benachrichtigt worden sei.

Mohammed war dabei, sich zu radikalisieren. Wer sah das eigentlich nicht?

Am 2. November 2004, kurz nach halb neun Uhr früh sitzt Mohammed Bouyeri auf einem Damenfahrrad und folgt Theo van Gogh. Der Filmemacher und Kolumnist radelt jeden Morgen auf der gleichen Route in sein Büro.

Mohammed Bouyeri feuert 15 Kugeln ab. Van Gogh, berichten Augenzeugen, fleht laut um Gnade. Mit einem Krummschwert, einer so genannten Kukri-Machete, schneidet Bouyeri ihm die Kehle durch. Dann nimmt er ein Messer, spießt ein mitgebrachtes Blatt Papier auf und bohrt es seinem Opfer in den Bauch. Das Papier, so stellt sich heraus, ist ein Brief, "in Blut getauft" und gerichtet an die rechtsliberale Politikerin Ayaan Hirsi Ali: "Mit Ihren Feindseligkeiten haben Sie einen Bumerang geworfen, und Sie wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Bumerang Ihr Schicksal besiegeln wird", hat Bouyeri geschrieben. Ayaan Hirsi Ali hatte zusammen mit van Gogh den Film Submission gedreht, in dem ein nackter Frauenkörper, beschrieben mit Koranversen, zu sehen war.

Bevor die Polizei Bouyeri festnehmen konnte, hatte er sein ganzes Magazin leer geschossen. In dem Schusswechsel wurde niemand lebensgefährlich verletzt, Bouyeri wurde ins Bein getroffen. Beim Abtransport ins Krankenhaus sagte ein Polizist: "Du kannst von Glück sprechen, dass sie dich nicht erschossen haben." Bouyeris eisige Antwort: "Genau das habe ich gewollt."