Gut acht Monate später, am 12. Juli 2005, erklärt Bouyeri dem Gericht in Amsterdam noch einmal, er habe als Märtyrer sterben wollen. "Ich kann nur sagen, sollte ich jemals freikommen, ich würde es wieder tun." Er habe van Gogh nicht ermordet, weil der Muslime öffentlich immer nur "Ziegenficker" genannt habe, sondern weil van Gogh den Propheten und den Islam beleidigt habe. "Ich habe mich niemals persönlich beleidigt gefühlt. Ich habe aus Überzeugung, um meines Glaubens willen gehandelt. Hätten mein Vater oder mein Bruder solche Sachen gesagt, ich hätte genau dasselbe getan." Bislang sieht es danach aus, als sei Bouyeri ein Einzeltäter. Den Islamisten, mit denen er sich traf, konnte keine Beteiligung am Mord nachgewiesen werden. Als "Terrorist" gilt Mohammed Bouyeri nach einem neuen Terror-Paragrafen dennoch; seine Tat, so das Urteil von Dienstag, dem 26. Juli, habe bezweckt, die Bevölkerung zu ängstigen und den Rechtsstaat zu erschüttern.

Marokko. Während in Amsterdam der Prozess gegen Mohammed Bouyeri läuft, reist die Familie nach Oudja, eine Stadt im Nordosten Marokkos, nahe der Grenze zu Algerien, wo sie ein Haus hat. Die Familie – Vater, Stiefmutter, sechs Schwestern und ein Bruder – will nicht mit der Presse sprechen. Sie hat sich auch geweigert, an den Untersuchungen der Polizei mitzuarbeiten. Vater Hamid und Mutter Habiba stammen aus einem Flecken, tief im marokkanischen Rif-Gebirge. Ein Sandweg führt vorbei an Schluchten, Kakteen, Kindern, die im Schatten sitzen. Manchmal verkaufen sie Feigen. Hoch über einem ausgetrockneten Flussbett steht das Haus des Vaters. Nur im Winter, wenn Schnee auf den Bergkuppen liegt, strömt Wasser.

"Bisher kam die Familie jeden Sommer hierher", sagt Mohammed, ein gleichnamiger 35-jähriger Cousin von Bouyeri. Er ist einer der wenigen Angehörigen in Marokko, der es wagt, mit Presseleuten zu reden. Nach dem Mord an van Gogh wurden hier alle Marokkaner mit dem Namen Bouyeri zum Verhör geladen. Auch junge Frauen, heißt es auf dem Markt von Oudja, wo Hunderte von Packeseln in der Sonne warten.

Vater Bouyeri hatte die Berbergegend, wo nur zwei von 36 Gemeinden Elektrizität haben und fast alle Frauen Analphabetinnen sind, vor 30 Jahren verlassen. Hamid war einer der Gastarbeiter der ersten Generation. "Der hat in niederländischen Fabriken geschuftet, bis seine Gelenke kaputt waren", sagt ein Bekannter. "Wenn er jetzt in der Moschee betet, dann bleibt er sitzen; mit seinem kaputten Rücken kann er nicht knien."

Im Jahr 2001 starb Mohammed Bouyeris Mutter an Krebs. Der Vater heiratete die Schwester der Mutter, Tante Fatma. Das sei so Sitte, sagt der Cousin, der ein diplomierter, aber arbeitsloser Kriminologe ist und sein Brot jetzt als Schreiber für die Analphabeten verdient. Den gleichnamigen Vetter Mohammed hat er vor zwei Jahren zuletzt gesehen. Der sei damals "völlig normal" gewesen. Auch über die Familie könne er nichts Negatives sagen. Es seien wohl "komplexere Fragen", die dafür gesorgt hätten, dass sich sein Vetter von der niederländischen Gesellschaft entfremdete.

"Mohammed ist kein Islamist", sagt er. "Der van Gogh hat Streit gesucht. Der wusste doch, dass der Koran für eine Milliarde Menschen ein heiliges Buch ist." Das Opfer sei sein Vetter. Wie das? Um dies zu erklären, müsse er ein paar Wochen reden, sagt der Cousin. Und macht einen Anfang: "Die europäischen Staaten bilden sich so viel ein auf ihre Trennung von Kirche und Staat – und dann sind es die christlichen Parteien, die bestimmen, wo es langgeht. Man sagt, in Europa werde nicht diskriminiert, aber Parteien wie Le Pens Front National oder die Leute von der Liste Pim Fortuyn in den Niederlanden dürfen ›Ausländer raus‹ rufen."