Mohammed Bouyeri wächst in Amsterdam-West auf, in der Hart Nibbrigstraat. In dem Viertel wurden in der Nachkriegszeit große Wohnkasernen gebaut; das Grau des Betons dominiert noch heute. Im gleichen Mietshaus wohnt Rachid Bousana, dem er später sein Selbstmord-Testament anvertrauen wird. Um die Ecke wohnt der acht Jahre jüngere Samir Azzouz, der vor kurzem wegen des Verdachts auf terroristische Anschläge auf das niederländische Parlament und auf das Atomkraftwerk von Borssele vor Gericht stand und freigesprochen wurde. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft gehören die jungen Männer zur "Hofstadgroep", zu der vom Geheimdienst so genannten Hauptstadtgruppe; Bouyeri soll in ihrem Netzwerk die führende Rolle gespielt haben.

Und doch war er einmal ein unauffälliger Typ, der Alkohol trank, Joints rauchte, Freundinnen hatte. "Mohammed war so wie wir", sagt ein Nachbarsjunge, "so einer mit Jeans und Turnschuhen, der auch mit Biertrinken ging."

Das Viertel, in dem die Bouyeris leben, gilt als "soziale Zeitbombe". Auch bei Bouyeris kommen Sozialarbeiter zu Besuch. Mohammed lernt, mit den Beamten zu verhandeln; er pocht auf seine Rechte, wenn die Polizei etwas von ihm will. Seine Nachbarn halten ihn für intelligent, ein "Positivo" sei er gewesen, ein gesellschaftlich Engagierter. Aber man sah auch, wie er auflief, frustriert wurde.

1994 zum Beispiel – in der Zeit ist Mohammed ein aufgeweckter Realschüler – gibt es Ärger, als ein alter Jugendtreff geschlossen wird. "Am letzten Abend brach da die Hölle los", sagt ein ehemaliger Jugendpfleger. Polizisten mussten das Gebäude räumen; die Jugendlichen rannten in alle Richtungen; Polizei und Hunde hinterher.

Ein neues Jugendzentrum kommt bei den Kids nicht an. Es gibt Brandstiftungen und es bleibt unruhig, bis 1998 regelrechte Krawalle ausbrechen. Ganz in der Nähe der Hart Nibbrigstraat, wo Mohammed, der inzwischen Informatik studiert, noch immer wohnt, schlagen sich Polizisten und "marokkanische" Jugendliche. Die "Schlacht am Allebéplatz" macht Schlagzeilen. Worauf die Stadtverwaltung dem Nachkriegsviertel einen "Investitionsimpuls" sowie ein "Sicherheitsnetzwerk" verordnet. Abends patrouillieren ältere Migranten als "Nachbarschaftsväter"; das Justizministerium macht ein Büro im Viertel auf. Und die Wohnungen, findet man, sollten renoviert werden. Auch der Wohnkomplex 26, in dem die Familie Bouyeri seit 1985 wohnt.

Die Mietervereinigung von Komplex 26, die vor allem aus älteren Autochthonen besteht, hat die Renovierungspläne schon abgesegnet, als Mohammed Bouyeri zusammen mit anderen Jugendlichen Widerspruch einlegt. Was den jungen Leuten nicht gefällt, ist die geplante Neueinteilung der Apartments. Infolge der Sanierung würden die Wohnzimmer einsehbar werden: Die Frauen könnten nicht mehr ungesehen in die Küche laufen. Ein Stadtrat spricht vom Kampf der Kulturen. "Wartet nur, als Nächstes fordern die Muslime islamische Rundbögen in ihren Zimmern", sagen die Befürworter der Renovierung. Doch Mohammed Bouyeri und seine Clique lassen sich nicht beeindrucken, bleiben bei ihrer Ablehnung: kein Umbau. Darauf verkündet die Stadtverwaltung, man werde den ganzen Komplex abreißen. Ein bereits angesetzter Termin wurde allerdings erst einmal auf 2006 verschoben. "Die Jungs", sagt der Stadtrat, "haben das wohl als Affront verstanden. Sie wollten die Pläne verbessern, und als Dank droht man mit Abbruch."