DIE ZEIT: Im September wird aller Voraussicht nach gewählt. Wie steht es mit der jungen Generation? Politisiert sie sich wieder?

Judith Holofernes: Ich hoffe es. Meiner Wahrnehmung nach passiert das aber in Bereichen, die mit staatlicher Alltagspolitik sehr wenig zu tun haben. Mir geht es auch so: Mein Herz schlägt dann hoch, wenn sich Politik mit Kunst verbindet. Ich mag die kulturverdrehenden Aktionen von Attac oder der Initiative Die glücklichen Arbeitslosen. Bereiche, die Politik mit Dada verbinden. Aber das ist für mich kein Ersatz dafür, wählen zu gehen.

Parteienpolitik ist frustrierend und beschränkt, aber trotzdem halte ich es für wichtig, die eigene Farbe der Farbe des Landes hinzuzufügen. Ich glaube, dass sich die Leute noch umschauen werden, sollten sie jetzt nur aus Spaß und Langeweile mal die CDU wählen oder eben gar nicht wählen, weil sie das Gefühl haben, alles bleibt beim Alten - nur jetzt mal in schwarz.

ZEIT: Wo sehen Sie denn heute die großen politischen Unterschiede?

Holofernes: Der Fokus der Debatte liegt zurzeit sehr stark auf der Wirtschafts- und Arbeitspolitik. Das erscheint mir völlig absurd. Jedem muss klar sein, dass die Vollbeschäftigung nie wiederkommen wird und alles, was die Politik daran in den nächsten Jahren tun kann, kosmetischer Natur sein wird. Worüber werden sich die Menschen definieren, wenn es die Arbeit nicht mehr sein kann? Man verliert durch den wirtschaftlichen Fokus andere Themen aus dem Blick - zum Beispiel Umweltfragen und Lebensmodelle, die nicht dem Mainstream folgen. Da wird einiges den Bach runtergehen. Und das werden viele Leute erst merken, wenn es zu spät ist.

ZEIT: Ist das ein Aufruf zum politischen Engagement?

Holofernes: Ich glaube, dass sich Menschen in unserer Generation zu sicher fühlen und sich den Luxus politischer Faulheit leisten, weil sie es nicht anders kennen. Wir sind im Frieden aufgewachsen und sehen nicht, wie viele Dinge einem wieder unterm Arsch weggezogen werden können, wenn man nicht für sie kämpft. Seien das Frauenrechte, sei es der Frieden.