Als die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice im März mein Land bereiste, lobte sie den demokratischen Prozess, der dort angeblich stattfände, und pries ihn als vorbildlich für die anderen Staaten der Region. Ihre Worte ließen mehr als einen in Afghanistan auflachen.

Bereits in einem Artikel vom 1. Oktober 2004 hatte sich die New York Times darüber gewundert, dass George W. Bush und Mitglieder seiner Regierung 10,5 Millionen Wahlberechtigte in Afhganistan zählten, um die Vorwärtsbewegung der Demokratie dort zu veranschaulichen. „Sie setzen auf eine Tatsache, die die Öffentlichkeit nicht kennt und die die Journalisten nicht erwähnen, nämlich dass die Zahl der Wahlberechtigten bei weitem sämtliche Schätzungen der Zahl der auf den Wahllisten Eingetragenen übersteigt“, schrieb die amerikanische Zeitung.

Und wer kennt schon den Abschlussbericht der europäischen Wahlkommission, der in Kabul nur vertraulich weitergereicht wurde? Die Kommission hält darin Fälle von Betrug und zahlreiche Unregelmäßigkeiten während der Präsidentschaftswahl fest, nicht ohne gleichzeitig zu bedauern, nichts dagegen tun zu können.

Die Afghanen verfolgen mit großem Interesse, was heute im Irak geschieht; sie haben sich über Abu Ghraib und Guantanamo informiert. Und sie bringen dieses Wissen mit den Informationen zusammen, die aus den abgeschirmten Gefängnissen und den Gefangenenlagern sickern, die die Amerikaner eingerichtet haben. Wie viele Menschen sind heute in Afghanistan eingesperrt? Wie viele werden dort gefoltert und misshandelt? Weder Regierungsbehörden noch Menschenrechtsorganisationen haben bislang das Recht, diese von der amerikanischen Armee kontrollierten Orte zu betreten. Wir, die Einwohner des Landes, haben nur bruchstückhafte Informationen: Zwei Menschen sind infolge von scharfen Verhören gestorben; eine Person, die letztlich als unschuldig aus dem Militärstützpunkt Bagram entlassen wurde, bekam 100 Dollar Entschädigung. So hört man.

Wie soll man der amerikanischen Außenministerin glauben, wenn sie sagt, dass eine der Prioritäten für die Vereinigten Staaten und deren britische Verbündete der Kampf gegen die Drogen im Land ist, wo doch Afghanistan gerade im Drogenrausch versinkt? Nach UN-Angaben hat Afghanistan im vergangenen Jahr 87 Prozent allen Opiums weltweit produziert. Es kommt mehr Geld über den Drogenhandel ins Land als über offizielle Entwicklungshilfe. Schlimmer noch: Zahlreiche Staatsbeamte und deren Angehörige – darunter der jüngere Bruder des Präsidenten – sind unmittelbar in diesen lukrativen Handel verstrickt.

Doch die Afghanen haben noch mehr Gründe, den Worten der Amerikaner zu misstrauen. So ist es inzwischen ein offenes Geheimnis, dass unter der Ägide der Vereinigten Staaten von dem Moment an, in dem sich die neue Regierung gebildet hatte, geheime Gespräche mit hohen Würdenträgern der Taliban aufgenommen wurden. Seit einigen Monaten stellen die Afghanen fest, dass sich bestimmte ehemalige Größen ganz offiziell in Kabul wieder auf der Straße zeigen – zum Beispiel der einstige talibanische Außenminister Wakil Ahmed Mutawakel, der traurige Berühmtheit erlangte, weil er die öffentlichen Hinrichtungen im Kabuler Stadion verteidigte.

Oder Mullah Dadallah (ehemaliger Verteidigungsminister), Mullah Khakssar (einer der ehemaligen Verantwortlichen für den talibanischen Geheimdienst), Mullah Raketti (genannt „Kommandant Rakete“) und andere. Sie alle waren an der Tragödie meines Landes beteiligt. Manche von ihnen kandidieren jetzt für die Parlamentswahl im September.

Heute verstehen wir den Sinn der lächerlichen Reden besser, die die Regierung Karsai und der amerikanische Verwalter damals anlässlich ihrer Ankunft in Afghanistan gehalten haben und in denen sie zwischen „guten“ und „bösen“ Taliban unterschieden.

Unter diesen Umständen fragen sich die Afghanen, was die ausländischen Streitkräfte in ihrem Land zu suchen haben, wenn diese die Rückkehr von „guten“ Taliban auf Machtpositionen vorbereiten. Wozu sollen diese guten Leute gut sein? Für eventuelle Einsätze in Nachbarländern vielleicht? Dürfen sie die Bevölkerung weiterhin terrorisieren, was erklärte, warum sich die Menschen in den Regionen, die einst das Vergnügen ihrer Herrschaft hatten, weigern, ihre Waffen abzugeben?

Wie soll man sich über „Sicherheit“ und „demokratische Stabilität“ freuen, wenn die UN-Mission die Alarmglocken läutet, weil die Bewaffneten eine Bedrohung für die kommenden Wahlen darstellen und sich gleichzeitig zum Erfolg der „Entwaffnungsphase“ beglückwünscht?

Die Sicherheitslage verschlechtert sich seit einem Jahr zunehmend. Die „bösen“ Taliban machen wieder mobil. Kein Tag vergeht, ohne dass es im Osten oder Südosten des Landes zu einem Zwischenfall käme. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei, er wird auch gegen die amerikanischen Befreier geführt, die zu Besatzern geworden sind. Weitere, nicht-talibanische Kräfte formieren sich ebenfalls. Die Demonstrationen nach den Koranschändungen von Guantánamo und auf bei diesen Kundgebungen skandierten antiamerikanischen Parolen sind Anzeichen für eine neue Entwicklung, welche über die Taliban-Frage und den "Kampf gegen den Terror" hinausgeht. Innerhalb der Bevölkerung macht sich Frustration breit. Man braucht nur in Kabul unterwegs zu sein, um ein Gefühl des Eingeschlossenseins zu verspüren. Nicht zu übersehen ist die Anwesenheit des amerikanischen Militärs, bis zu den Zähnen bewaffnet; allgegenwärtig auch die Panzer und Stacheldrahtverhaue, die für den Zivilverkehr gesperrten Straßen, die Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung. Und die schrecklichen Irrtümer (der letzte vom 1. Juli, an dem 17 Zivilisten in Kunar, im Osten des Landes, getötet wurden) und die Straffreiheit, welche die Soldaten genießen.

Die Stadt quillt über von Armen und Bettlern, Witwen auf der Suche nach Almosen, blutjungen ambulanten Händlern und Schuhputzern. Die aus Flüchtlingscamps in Pakistan Zurückgeführten wiederum leben seit mindestens zwei Wintern in Behelfszelten. Mit Ausnahme von einigen Reichen hat niemand in der Stadt Strom oder fließendes Wasser; Drogenabhängigkeit und Prostitution, die Begleiter von Arbeitslosigkeit und Armut, grassieren.

Und dennoch wurden angeblich Milliarden von Dollar für humanitäre und Entwicklungsprojekte überwiesen. Ausländische Geschäftsleute kreuzen in ihren Geländewagen durch die Straßen. Es vergeht kein Tag, ohne dass die humanitäre Gemeinschaft Arbeitsgruppen, Entwicklungsbesprechungen oder Versammlungen zur Koordination abhält. Mehr als 2.400 internationale und afghanische Nicht-Regierungs-Organisationen befinden sich am Ort. Sie verwalten Geld und setzen die Entwicklungshilfe in Projekte um. Die Politik der großen Geldgeber ist darauf ausgerichtet, diese Verhandlungspartner zu Lasten staatlicher Strukturen zu bevorzugen, denn diese werden als nicht verlässlich angesehen. Der Staat? Da es ihn eigentlich nicht gibt, wissen die Einwohner nicht, an wen sie sich mit ihren alltäglichen Problemen wenden sollen: An den bewaffneten Gangsterboss des Viertels, den Drogenbaron, den Vertreter einer NGO oder doch an einen amerikanischen Soldaten?

Kürzlich wurde eine "strategische Partnerschaft" zwischen Präsident Karsai und Präsident Bush geschlossen. Sie soll amerikanischen Projekten in Afghanistan dienen: Kontrolle der Erdölströme, Einrichtung permanenter Basen nahe an Iran, China und Zentralasien. Es existiert bereits eine Basis in Shendan, nahe Herat, 40 km von Iran entfernt, zwei weitere finden sich in Kandahar und Bagram. Und es gibt weitere, geheim gehaltene Einrichtungen; man spricht von Pamir nahe der chinesischen Grenze und von der Gegend um Bamiyan. Die Vereinbarung wurde von Präsident Karsai unterzeichnet, bevor ein Parlament, welches sich dazu hätte äußern können, gewählt war. Ist das die Demokratie, von der die Außenministerin Rice spricht? Wollen die afghanischen Volksgruppen nach einem Vierteljahrhundert Krieg, dass ihr Land zu einem Austragungsort zukünftiger Spannungen in der Region wird? Ich für meinen Teil lehne dieses Szenario ab.

* Der Schriftsteller Latif Pedram war bis zu ihrer Zerstörung durch die Taliban Direktor der Bibliothek von Baghlan

Aus dem Französischen übersetzt von Wenke Husmann, Christiane Behrend und Alain-Xavier Wurst